Die schlechte Nachricht kam nach dem Dessert – und sie dürfte Xi Jinping auf den Magen geschlagen haben. Am Rande des G20-Gipfels in Buenos Aires Ende November hatte sich der chinesische Staatspräsident bei Karamellpfannkuchen gerade mit Donald Trump darauf geeinigt, den Handelskonflikt beider Nationen für 90 Tage auszusetzen, als Mitarbeiter Xi eine Nachricht überbrachten. Und die hatte es in sich. Am Flughafen von Vancouver sei Meng Wanzhou verhaftet worden, als sie gerade nach Mexiko weiterfliegen wollte.

Härter hätte es kaum kommen können. Meng, 46, ist Tochter des Konzerngründers des weltgrößten Telekom-Netzwerkausrüsters Huawei und Finanzchefin des Unternehmens. Ihr Vater gilt als Freund von Staatspräsident Xi. Die Festnahme erfolgte aufgrund eines Haftbefehls der Staatsanwaltschaft von New York. Der Vorwurf der Strafverfolger: Betrug und Verstoß gegen die Iran-Sanktionen. Bei einer Verurteilung in den USA drohen Meng bis zu 30 Jahre Haft.

In Zeiten eines aufziehenden Großkonfliktes zwischen den beiden wichtigsten Volkswirtschaften der Welt ist die Festnahme Mengs ein beispielloser Affront. Und sie ist ein Fall von beispiellos schlechtem Timing.

Trumps Sicherheitsberater John Bolton wusste vor dem Abendessen in Buenos Aires bereits davon, nicht aber Trump selbst. Ob der Zeitpunkt der Festnahme Zufall war, wie einige in Washington nun betonen – ein US-Gericht erließ den Haftbefehl bereits Ende August, seither warteten die Ermittler auf einen günstigen Moment –, oder auch nicht, das Vorgehen der Trump-Regierung wirkt planlos. Kaum vereinbart, ist die Pause im Handelsstreit mit China wieder in Gefahr. Die Frage ist: Eskaliert der Konflikt nun endgültig?

Der Faktor Zeit hilft auch hier bei einer Antwort. Vier Tage dauerte es, bis die Verhaftung Meng Wanzhous an die Öffentlichkeit gelangte. Erst am vergangenen Mittwoch, als Meng zu ihrem ersten Gerichtstermin erschien, entdeckte ein Lokalreporter der Vancouver Sun den Namen der Managerin auf der Anhörungsliste. Als sie dann zur zweiten Kautionsverhandlung am vergangenen Freitag vor die Richter trat, hatte der amerikanische Börsenindex Dow Jones seine schlechteste Woche seit März hinter sich, und die ganze Welt schaute zu.

Dennoch: Ausgerechnet einen Tag zuvor, als ganz China längst von Mengs Festnahme wusste, hatte das Handelsministerium in Peking bekannt gegeben, mit sofortiger Wirkung mehr Lebensmittel, Energie und Automobile aus den USA zu importieren – so wie Xi und Trump es beim Abendessen in Buenos Aires vereinbart hatten.

Am Samstag dann bestellte Chinas Vizeaußenminister erst den kanadischen Botschafter in Peking ein, am Sonntag dessen US-Kollegen. Auf einer hochkarätig besetzten chinesisch-amerikanischen Konferenz an der Elite-Universität Tsinghua erwähnten regierungsnahe Wirtschaftsberater am Wochenende die Festnahme von Meng Wanzhou jedoch mit keinem Wort. Stattdessen beeilten sie sich zu betonen, dass es dringend nötig sei, die Beziehungen beider Staaten untereinander zu verbessern.