Warum sind die Landschaftsbilder von Heinrich Reinhold so schön? Zunächst einmal, weil er schöne Landschaften malt. Und schöne Landschaften – das ist eine alte deutsche Liebhaberei – findet man vorzugsweise in Italien. Der aus Gera stammende Reinhold wandert 1817 durch die Alpen, reist 1819 für einige Jahre nach Rom, verbringt die Sommermonate in dem Bergdorf Olevano, unternimmt Ausflüge nach Neapel und Sizilien und malt und malt, zeichnet und zeichnet immer nur Landschaften.

Unbestreitbar sind alpine wolkenumkränzte Gipfel oder mediterrane Buchten unterm blauen Himmel bildschön, man sagt auch gern "malerisch" dazu. Es ist aber klar, dass aus dem Malerischen allein noch kein gutes Gemälde wird, was jeder begreift, der seine Urlaubsfotos mit den Bildern vergleicht, die jetzt in der Hamburger Kunsthalle zu sehen sind. Nehmen wir nur die Felsschlucht bei Sorrent (1823). Die Verteilung von Licht und Schatten gibt dem Raum eine Tiefe, die nicht mehr realistisch ist, und der unmerkliche Übergang von Brauntönen (Fels) in Grüntöne (Laub) könnte dem Bild etwas Bedrückend-Unheimliches geben, wäre da nicht der leuchtende Himmel ganz weit oben. Einen Rest von Konvention erkennt man in der weißen Frauengestalt vorn rechts, aber sie dient nur noch dazu, die Größenverhältnisse zu verdeutlichen.

Heinrich Reinhold war zu Lebzeiten (1788 bis 1825) ein hochgeschätzter Maler, und die Kollegen erblickten in ihm ein Talent, von dem man Großes erwarten durfte. Allein, Reinhold starb im Alter von 36 Jahren an Schwindsucht. Sein kurzes Leben war erfüllt von einem unermüdlichen Fleiß, von der rastlosen Begierde, ein guter Maler zu werden. Er hatte keine Scheu, arrivierte Kollegen zu kopieren und den malerischen Konventionen nachzueifern. Das Kirchlein von Heiligenblut mit dem Großglockner dahinter gleicht noch sehr einer Ansichtskarte, und das Bild vom Schiffbruch (Nach dem Sturm, 1819) sieht dann trotz aller Perfektion eher aus wie eine illustrierte Räuberpistole.

In Italien jedoch wird Reinhold immer mutiger, die Landschaften werden immer karger und strenger. Er sucht das Schöne nicht mehr im bloß Anmutigen, sondern im vieldeutig Besonderen. Das Bild Kampagna-Landschaft (um 1822/24) zeigt einen flachen, ziemlich öden Landstrich, der sich in einen Abendhimmel mit rötlichen und schwärzlichen Wolkenfetzen hinein auflöst, und aus der Landschaft wird plötzlich eine Art Klang, ein Mollakkord.

Stupend sind die Bleistiftzeichnungen. Man sieht, wie er geübter, filigraner wird, wie er die Räumlichkeit immer besser zu organisieren weiß. Es sind Vorstudien zu Gemälden. Oftmals enthalten sie Notizen für das schließlich zu malende Ölbild. Auf der Zeichnung Bäume an einem Seeuferweg im Weißbacher Tal auf dem Weg zum Diesbacher Wasserfall (1818) vermerkt er: "Morgen die Stämme sehr dunkelgrau mit braunem Moos der Schnee hinten sehr zart licht silbergrau, um einen halbton dunkler als die luft bloß einige spitzen hell".

Der Besucher der Hamburger Kunsthalle, die einige der schönsten Werke von Reinhold besitzt, kann kaum umhin, an Reinholds älteren Kollegen Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) zu denken, der ja nun wahrlich ein Landschaftsmaler gewesen ist. Friedrich hat einmal geschrieben: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht."

Seiner harschen Maxime folgt Friedrich insofern, als er die Landschaften ins Dramatische hinein inszeniert und das Diesseitige mit dem Jenseitigen konfrontiert. Manchmal malt er mehr von dem, was er in sich sieht, als von dem, was er vor sich sieht.

Bei Reinhold verhält es sich umgekehrt. Was er in sich sieht, gibt dem, was er malend vor sich sieht, nur jene entscheidende Nuance hinzu, die erklärt, warum seine Landschaftsbilder so schön sind. – Der beglückte Besucher verlässt die Ausstellung mit einer simplen Frage: Warum haben sie damals so gern Landschaften gemalt? Als könnte eine Landschaft die Seele der Natur offenbaren, als wäre darin der verborgene Gott.

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