Es regnet Fische. Glitzernd sausen sie durch die Luft, prallen mit einem hellen Plitsch auf und hinterlassen einen glitschigen Film auf der kleinen Brücke im Inokashira-Park. Vom Ufer des Sees starren Schwäne, so groß wie Kleinwagen, grimmig zu mir herüber. Sie lassen mich wissen, dass ich nicht dazugehöre. Selten habe ich mich so merkwürdig entrückt, fast verzaubert gefühlt. Aber ich muss weiter vorn anfangen, damit man das versteht.

Ich bin in Tokio, auf der Suche nach einem anderen Universum. "Es gibt immer nur eine Realität", sagt der Taxifahrer am Anfang von Haruki Murakamis Roman 1Q84 zur Heldin. Doch seit ich die Bücher des japanischen Erfolgsautors lese, habe ich da so meine Zweifel. Murakami schreibt Märchen für Erwachsene. Seine Helden führen ein ganz normales, urbanes Leben. Sie trinken Bier, kochen Spaghetti und machen sich darüber Sorgen, dass sie in Tokios U-Bahn-Gedränge einen Schuh verlieren könnten. Aber hinter der Banalität wird immer wieder eine geheimnisvolle zweite Ebene sichtbar, mit einer ganz eigenen Aura. Mal sind es Katzen, die mit Menschen sprechen, ein anderes Mal stehen zwei Monde am Himmel, oder Menschen entkommen in eine spirituelle Parallelwelt. Einfach so. Normalität und Magie gehen spielend ineinander über. Man könnte auch sagen, Murakami erschafft Träume so faszinierend, dass ich sie tatsächlich erleben will. Und Tokio, eine Stadt, die von Europa aus selbst oft genug wie eine Parallelwelt wirkt, ist dafür bestimmt die bestmögliche Destination.

In den Romanen werden viele Orte erwähnt, die es in Tokio wirklich gibt; sie liegen meist abseits des vertikalen Neon-Wahnsinns, der schrillen Manga-Mädchen und Roboter-Restaurants, die das Klischee der japanischen Hauptstadt prägen. Murakamis Helden streifen durch stille Parks und hängen in düsteren Jazz-Bars ihren Gedanken nach, kurz bevor oder während irgendwas total Verrücktes passiert.

Also steige ich mitten im blinkenden Ausgeh- und Businessviertel Shinjuku hinab in die Unterwelt, nur ein paar Straßenecken vom Bahnhof entfernt, durch den täglich mehr als drei Millionen Passagiere hetzen. Im oberirdischen Dickicht aus Restaurants und Bars, KFC- und Baskin-Robbins-Filialen ist der schmale Eingang des Dug zuerst nicht leicht zu finden. Sobald ich unten in der Kellerbar ankomme, benebeln warmer Jazz und kalter Alkohol die Sinne. Zwischen den Backsteinwänden verdichten sich Musik und Zigarettenqualm zu einer Wolke, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos von Musikern reflektieren das schummrige Licht. Der Fünfzigerjahre-Hard-Bop ist gerade mal so laut gedreht, dass sich die Pärchen und Kollegen an den kleinen Tischen noch unterhalten können, ohne einander ins Ohr brüllen zu müssen. Das Saxofon antwortet der Klarinette, im Hintergrund schabt der Drummer über die Becken. Ein angegrauter Geschäftsmann klopft den Beat mit allen zehn Fingern aufs Holz der niedrigen Theke. Ein paar Plätze weiter sitzt ein junger Kerl mit langen Haaren und schwarzer Hipster-Brille. Neben mir trinkt ein dicker Australier im Hawaiihemd sein Bier.

Seine Geschichten seien wie Jazz, hat der große Jazz-Fan Murakami, der am 12. Januar 70 wird, sinngemäß einmal in der New York Times geschrieben: meist frei improvisiert. Das Dug ist die passende Inspiration, eine Einladung in Murakamis Welt. Fanseiten im Internet behaupten, die Bar habe tatsächlich als Schauplatz der ein oder anderen Szene von Naokos Lächeln gedient, passen würde es jedenfalls. Das Dug ist dunkel genug, um einen melancholisch zu machen; gleichzeitig wirkt es verheißungsvoll, weil hier in whiskysatter Atmosphäre Menschen aufeinandertreffen, die sonst kaum Berührungspunkte haben in einem Gesellschaftssystem, in dem die Identifikation mit dem Job an erster Stelle steht. Außerdem kommt man zu sich – während der Geist draußen auf der Straße zwischen grellen Werbebannern und dröhnenden Spielhöllen hin und her taumeln würde. Hier unten spürt man wieder das Gewicht seines Körpers, und wie immer, wenn man sich wohlfühlt, vergeht die Zeit schneller. Aus einem Gin Tonic werden drei, aber das macht nichts. Eile wäre jetzt unmurakamisch. "In der Nacht vergeht die Zeit auf ihre Weise", lässt Murakami den Barkeeper einer Kneipe irgendwo in Tokio sagen. "Es ist zwecklos, sich dagegen zu wehren."

Für die Romanfiguren geht es nach Mitternacht oft erst richtig los. Es sind die grauen Stunden bis zur ersten Bahn am Morgen, in denen sie auf sich zurückgeworfen werden, allein sind inmitten von Menschen. Ich steige in die U-Bahn und fahre ein paar Stationen gen Süden, zum Love Hotel Hill in Shibuya. Weil das so schön nach einsamen Herzen klingt und weil Murakamis Heldin aus Afterdark sich hier eine Nacht lang still rauchend vor der Welt versteckt hält.

Mit ein paar Tausend Menschen schiebe ich mich aus dem Bahnhof Shibuya über die berüchtigt überlaufene Lost in Translation-Kreuzung, den Hügel hinauf an Kneipen und Fast-Food-Läden vorbei, vor denen sich junge Leute drängen, als würde gleich ein Rockkonzert starten. Plötzlich übertrete ich eine unsichtbare Grenze. Nur ein paar Schritte hinein in eine Seitenstraße, und die Feiermeute ist wie vom Erdboden verschluckt. Neonschriftzüge wie die des Hotels Amore oder der Villa Giulia, die ihre Zimmer stundenweise vermieten, glimmen an den Fassaden. Hier und da lassen himmelblaue Anstriche und römische Säulen erahnen, welcher Kitsch einen wohl in den Zimmern erwartet. Stundenhotels sind in Japan völlig normal. Angeblich checken landesweit täglich 1,4 Millionen Paare ein, obwohl Sex bei den Japanern Umfragen zufolge nicht weit oben auf der Prioritätenliste steht. Vielleicht fehlt es ihnen im engen Zuhause einfach an Intimsphäre. In dieser Nacht huschen aber nur wenige Schatten durch die schmalen Gassen. Ich fühle mich fehl am Platz mit meiner Neugier. In einem Land, in dem man selbst das Pinkeln auf dem Klo per Knopfdruck mit künstlichen Spülgeräuschen überdecken kann, will wohl erst recht niemand vor einem Stundenhotel erwischt werden.

Zu Fuß mache ich mich auf den Rückweg nach Shinjuku. Eigentlich nicht schwer, im Grunde muss ich nur geradeaus gehen. Mir kommt ein Kurzgeschichtenband von Murakami in den Sinn: Von Männern, die keine Frauen haben. Traurige Existenzen sind das, die an fehlender oder verlorener Liebe verzweifeln; die ohne diese besonderen Momente auskommen müssen, in denen Frauen für sie "mitten in der Wirklichkeit die Wirklichkeit außer Kraft setzen". Ich grüble darüber nach, ob Frauen diesen Trick auch bei sich selbst anwenden können – bei meiner Murakami-Streunerei käme mir das gelegen. Nebenbei versuche ich mich erneut zu orientieren und stelle dabei fest, dass ich mich in den namenlosen Straßen verlaufen habe. Ich bin in einem Wohngebiet gelandet, das geradezu geisterhaft ruhig daliegt. Die Häuser sind höchstens vierstöckig, Grillen zirpen, auf der einspurigen Straße überholt mich ein einsamer Radfahrer. Klar, es ist mitten in der Nacht. Aber ich hätte nie gedacht, dass ein Ort in Tokio so menschenleer sein kann. Fast unsicher bewege ich mich vorwärts, ein wenig, als ginge ich auf dünnem Eis. In dieser seltsam urbanen Stille würde es mich nicht wundern, wenn die Wirklichkeit plötzlich wegbräche wie eine vorgespiegelte Oberfläche – oder wenn ein zweiter Mond schiene. Aber der endgültige Übertritt ins Murakami-Land gelingt mir natürlich doch nicht.