Wie ich einem sehr langen Artikel des Spiegels entnehmen konnte, wird der kanadische Autor und Psychologe Jordan Peterson von vielen Männern als herausragender Verteidiger von etwas angesehen, das ich hier der Kürze halber als "klassische Männlichkeit" bezeichnen möchte. Petersons Anhänger würden wohl von "natürlicher Männlichkeit" sprechen. Denn offenbar plädiert Peterson in seinem erfolgreichsten Buch für streng hierarchische Strukturen in der Gesellschaft, weil diese, ich hoffe, ich gebe das richtig wieder, sozusagen naturgegeben sind. Dominanz sei ein quasi ewiges Funktionsprinzip der Natur. Und rührenderweise scheint Peterson für diese Position zu argumentieren, indem er auf die "Hummergesellschaft" verweist, von der ich bislang immer meinte, es gäbe sie höchstens bei SpongeBob.

Also, die Hummer sind so und so, sagt Peterson, die haben Dominanz und Unterordnung, und das ist so richtig und natürlich und schön, und deswegen sollten Menschen das auch so haben, statt dieses postmodernen Unfugs mit Gleichheit und Inklusion und wie das alles heißt. Ich glaube, so in etwa geht das Argument.

Nun ist es, finde ich, insgesamt eine heikle Sache mit dem Hummer als Vorbild für den Menschen, haben wir Menschen ja noch nicht einmal Zangen, sondern Hände, aber bestimmt meint Peterson eigentlich diese Geschichte mit der Evolution, dass wir also gemeinsame Ahnen haben, mithin eine gemeinsame Natur – und bestimmt decken sich Hummer- und Menschen-DNA zu erstaunlichen 87 Prozent oder so –, und dass es zweitens im evolutionären Rennen halt einen Selektionskampf gibt, in dem sich nur die dominanten Mitglieder einer Spezies fortpflanzen dürfen, und das ist der Sache der Spezies, also etwa der Sache der Hummergesellschaft, wirklich sehr förderlich, und deswegen ist es okay, wenn die Starken die Schwachen hauen.

Nun ist es doch aber so, dass ja wir den Hummer essen, nicht umgekehrt. Aus darwinistischer Perspektive dominieren wir den Hummer so sehr, dass ich bezweifle, dass wir von ihm wirklich so viel lernen können.

Im Übrigen aber, und darauf will ich hier nun hinaus, finde ich alle Argumente, die sich auf die sogenannte Natur berufen, so unfassbar mühsam, dass ich jetzt, wo ich daran denken muss, schon fast keine Lust mehr habe, diesen Text zu Ende zu schreiben. Es gebe, behaupten Leute wie Peterson, eine "menschliche Natur" oder "die Natur des Mannes" oder die "Natur der Frau". Manche Menschen meinen übrigens, es gebe auch eine Natur der Hautfarben und Ethnien, solche Leute nennt man Rassisten. Darf ich dazu einfach nur bemerken, dass für meine Begriffe die KULtur neben seinen unmittelbaren körperlichen Nöten eigentlich das Einzige ist, das eindeutig in der NAtur des Menschen liegt.

Und Kultur, dear Peterson, ist notwendig Gemeinschaft und damit Vereinbarung und damit verhandelbar, weswegen zum Beispiel auch die Esskultur in Kanada durchaus anders ausschaut als jene in Frankreich, wohingegen die Unterschiede zwischen kanadischen und französischen Hummergesellschaften höchstens von Experten erkannt werden können. In anderen Worten: Lasst uns doch in Zukunft, wenn es um erwachsene Themen wie Geschlechterverhältnis, Gerechtigkeit, Humanität geht, bitte nicht mehr, am liebsten wirklich nie wieder, irgendwas hören über lobster oder Wölfe oder Bienen und wie die das so machen in ihrer animalischen Natürlichkeit, und stattdessen weiter ernsthaft darüber nachdenken, wie wir insgesamt kultiviertere Wesen werden können.