Als ich schwor nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen, fasste das Grundgesetz Ostdeutschland im dritten Jahr. Eine bekannte Bürgerrechtlerin hatte gerade die Einheitsgeschenke reklamiert (Bärbel Bohley: "Wir wollten Gerechtigkeit und erhielten den Rechtsstaat"), und ich – Diplom der Rechtswissenschaft, Humboldt-Universität 1988 –, wurde also Richter. Mit oder ohne religiöse Beteuerung?, fragte der Präsident des Bezirksgerichts, kurz zuvor erst aus dem katholischen Bonn ins ungläubige Frankfurt an der Oder gewechselt. Für einen Moment war ich versucht, auf den mir fremden Gott zu schwören, um zu gefallen und zu bestehen, als Kollege und Proberichter. So richtig wusste ich noch nicht, was mich erwartete und von mir erwartet wurde. Es fühlte sich an wie am ersten Montag auf Montage. Anfang Dezember kamen die Struktur des Gerichtsverfassungsgesetzes und das neue Branding. Frankfurt an der Oder hatte fortan ein Amts- und Landgericht, so wie sein Pendant am Main.

Das ist 25 Jahre her.

Gleich allen brandenburgischen Assessoren schickte man mich zur Praxisausbildung für ein Jahr nach Nordrhein-Westfalen. Am Landgericht Bielefeld war ich Diplom-Ossi ein größerer Exot als der stadtbekannte Nudist Ernie und wurde vorsorglich bei der Stellenbesetzung meiner Zivilkammer nicht mitgezählt. Als ich meine Urteile auf dem Laptop schrieb und von da ausdruckte, lernte ich den dortigen Präsidenten kennen: Es sei ja erfreulich, dass der technische Fortschritt aus dem Osten schwappe, aber hier präferiere er die für mich zuständige Schreibfrau, denn ich gefährde durch den Laptop den sozialen Frieden und letztlich ihren Arbeitsplatz. Also diktierte ich fortan vom Bildschirm aufs Band und harrte der zu korrigierenden Abschriften. Die Abschlussbeurteilung bescheinigte mir hohe Sozialkompetenz.

Zurück im Märkischen wurde ich Teil eines Robengeschwaders, das etwa zur einen Hälfte aus früheren DDR-Juristen mit Persilschein bestand, zur anderen aus westdeutschen Juristen mit Persil-Aura: 180 von hie, 190 von da. Der Geruch sollte noch eine Rolle spielen, aber dazu später. Wahrnehmbar unterschieden uns zu Beginn die Solidität der Kenntnisse des Bürgerlichen Gesetzbuches und ein Gehaltsgefälle von 20 Prozent. Überwiegend Verfassungspatriotismus habe die Westkollegen mobilisiert, resümierte OLG-Gründungspräsident Macke. Dass stimulierend eine Prämie hinzukam, die ausgerechnet als Buschzulage geläufig war, haben wir Landeskinder tapfer weggeatmet. Damals scherzte man noch, wie man dachte: Das Amtsgericht Schwedt an der Oder, landläufig Schwedt/O. abgekürzt und zweifellos ein Außenposten der märkischen Justiz, war im Standort-Ranking der Zulageberechtigten keine Option: Schwedt an der Ostfront. Hier kam ich zum Einsatz, neben drei ortsansässigen Richterinnen und einem hochgeschätzten Kollegen aus Aachen. Weder hätte er, wie mein letzter Vorsitzender in Bielefeld, einer Kollegin seine Robe zum Knopfannähen in die Hand gedrückt, noch hätten diese Kolleginnen zähneknirschend zur Nadel gegriffen.

Allerdings kapitulierten sie vor dem örtlichen Frontverlauf: Aus den Plattenbausiedlungen verbreiteten gewalttätige Skinhead-Gangs Angst und Schrecken, im Zeugenstand schlotterten Werktätige und Veteranen ihre Traumata aus. "Brown town", schrieb die Berliner Presse. Da wollte frau um keinen Preis Jugendrichter sein, also wurden die Männer zuständig fürs Grobe, eine Zuständigkeit, bestimmt nach Springerstiefeln und Bomberjacken. Wir schieden fortan Indianer von Häuptlingen, urteilten fürsorglich mit den einen, unzimperlich mit den anderen. Damit die Polizeiberichte ein Gegengewicht erhielten und die Öffentlichkeit erfuhr, dass der neue Staat mitnichten wehrlos war, sorgten wir auch für die Verbreitung der Generalprävention via Lokalzeitung. Auf die Eigenkapazitäten der vierten Gewalt in Sachen lokaler Gerichtsberichterstattung würden wir landesweit noch in den nächsten Jahrzehnten nicht bauen können. Vielleicht ist das ja heute mit ein Grund für die Paranoia, an der die Gesellschaft krankt.

Der Ausländer in seiner kriminellen Erscheinungsform war für den märkischen Amtsrichter damals präsenter als jetzt – es war die Zeit vor Schengen und die Oder ein Grenzfluss Styx, über den uns der Bundesgrenzschutz im Hubschrauber flog, um zu zeigen, wo des Nachts Autodiebstahl, Laubeneinbruch, Zigarettenschmuggel, Asylschleusung und Prostitution in die vermeintliche Oberwelt drängten. Als Ermittlungsrichter hatte man – anders als heute – einen Fulltime-Job. Es kam vor, dass man sich vom Familienabendessen abmeldete mit der pikanten Begründung, vor ihrer Rückführung noch das zeugenschaftliche Wissen einer Busladung weißrussischer Prostituierter abschöpfen zu müssen. Der Kollege aus Aachen half, ohne nach Zuständigkeit zu fragen, zwei Pausenbiere in der Tasche, die Vernehmungsnacht zu kürzen.

Der Kollege aus Aachen – es ist ein Paradoxon, dass Herkunft im kollegialen Verhältnis bis heute eine Rolle spielt, dabei im Sinne einer Zuschreibung aber kaum mehr zu fassen ist. Im Verhältnis Richter/rechtsuchender Bürger ist das Thema schon lange durch. Jahre her, dass ich zuletzt im Gerichtssaal gefragt wurde, ob ich aus dem Osten stamme oder aus dem Westen. Früher war das wichtig, und sei es für die Legendenbildung. Die Klageabweisung ließ sich gut erklären, eine alte SED-Seilschaft habe da das Hämmerchen geschwungen, alternativ, dem erkennenden, haha, Westrichter fehle jede Ostahnung. Es gab Ostkollegen, die kokettierten, irrtümlich für einen Westrichter gehalten worden zu sein, und solche, die eine derartige Verwechslung als ehrenrührig empfanden. Heute sind es nur noch, allerdings zunehmend, sogenannte Reichsbürger, die unsere Legitimität in Zweifel ziehen und dafür jährlich mehr Papier verschwenden als die kaiserliche Verwaltung zeit ihrer Existenz.