Wenn man sich Katarina Barleys politisches Leben in Zahlen ansieht, sieht es auf den ersten Blick nicht gut für sie aus. Drei Jahre lang ist sie Spitzenpolitikerin, in der Welt der Politik ist das nichts. 18 Monate lang war sie Generalsekretärin, neun Monate Familienministerin, fünf Monate parallel dazu geschäftsführende Arbeitsministerin, seit März leitet sie das Justizressort. Es wirkt ein bisschen so, als habe diese Karriere keinen Plan, als sei Barley nur die Frau, die immer springen muss, wenn Not am Mann ist: Als Spitzenkandidatin wird sie die SPD in die Europawahl am 23. Mai 2019 führen, die härteste Herausforderung der Partei in der nächsten Zeit.

DIE ZEIT: Frau Barley, Sie sagen über sich, Sie seien "keine Spitzenkandidatin klassischen Typs". Wie ist der klassische Typ denn so?

Katarina Barley: Normalerweise fährt man als Spitzenkandidat von Stadt zu Stadt, redet von einer Bühne herab eine Dreiviertelstunde vor großem Publikum, und dann geht’s weiter. Und in der nächsten Stadt hält man genau die gleiche Rede noch mal. Der klassische Kandidat sendet mehr, als dass er empfängt. Er verkündet seine Botschaft. Und er ist eher lautsprecherisch als leise. All das mache ich nicht. Und so will ich auch nicht sein.

ZEIT: Sie sind erst seit fünf Jahren bundespolitisch aktiv. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie keine Klassikerin sind?

Barley: Ich fand schon als SPD-Generalsekretärin Lautstärke kein Kriterium. Ich habe das Amt gerne ausgeübt, es aber auf meine Weise interpretiert.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Barley: Als Generalsekretär soll man zuspitzen und am besten jeden Tag in die Konfrontation mit dem politischen Gegner gehen. Das ist aber nicht meine Art. Ich weiß noch, wie sehr mich diese ritualisierten Auseinandersetzungen irritiert haben, als ich noch von außen auf die Bundespolitik schaute, als Bürgerin. Und dann war mir klar, dass nicht ich mich ändern muss, sondern dass sich die Zeiten geändert haben.

ZEIT: Gab es einen Moment, in dem Sie sich wünschten, etwas klassischer zu sein?

Barley: Von Politikern wird erwartet, in jeder Sekunde zu jedem Thema sprechfähig zu sein. Das funktioniert nicht. Anstatt ehrlich zu sein, werden Ausweichmechanismen entwickelt. Das ging auch mir so. Weil ich gar nicht alles wissen konnte oder sagen wollte. Jedes kleine Wort muss wohlüberlegt sein. Dann habe ich mich manchmal in Phrasen geflüchtet. Mich hat das selbst genervt.

ZEIT: Ist die Zeit der Klassiker vorbei?

Barley: Es gibt bestimmt Leute, die das noch gut finden. Aber mein Eindruck ist schon, dass die allermeisten Bürger keine Politiker mehr wollen, die von der Bühne herab oder aus dem Talkshowsessel heraus steile These verbreiten. Sie wollen Politiker haben, mit denen sie in Dialog treten können, und Menschen erleben, die auch mal um eine Antwort ringen, weil sie eben nicht auf alle Fragen gleich eine Antwort haben.

ZEIT: Wie, glauben Sie, denken wohl Martin Schulz und Sigmar Gabriel darüber?

Barley: Diese Frage musste ja kommen!

ZEIT: Sie wollen darauf nicht antworten?

Barley: Doch, aber anders als Sie erwarten. Ich habe beide oft in Dialogformaten erlebt, im persönlichen Gespräch mit den Menschen. Das war beeindruckend, da waren sie am stärksten.

ZEIT: In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zustimmung zur SPD noch einmal dramatisch reduziert, von gut 25 auf inzwischen nur noch 15 Prozent. Was ist Ihr Anteil an den Problemen der SPD?

Barley: Ich habe immer im Leben versucht, mein Bestes zu geben, aber sicher mache auch ich nicht immer alles richtig. Was genau, das müssen andere beurteilen.