Bis vor einigen Monaten war Kochen für die Ruanderin Emeritha Basekanimbereka vor allem ein zeit- und holzraubendes Geduldsspiel. An einer Feuerstelle aus drei Steinen hockte sie manchmal stundenlang vor dem Topf, bis das Essen gar war.

Aber jetzt hat die Frau aus dem kleinen Dorf Kamutamu unweit der Hauptstadt Kigali einen Kochofen. Das ist ein kniehohes Gefäß aus Edelstahl. Es sieht aus wie eine kleine, glänzende Tonne. Basekanimbereka legt ein paar kleine Holzscheite hinein und zündet sie an. Ihr Kochtopf ist schmal genug, um in das Edelstahlgefäß hineinzupassen, und hat überstehende Ränder, sodass Basekanimbereka ihn oben einhängen kann.

Mit dem Edelstahlofen geht alles viel schneller. Diesen Kochofen hat Basekanimbereka indirekt deutschen Urlaubern zu verdanken.

Nichts ahnend wurde Basekanimbereka Teil eines Weltverbesserungskonzeptes, das in Deutschland immer beliebter wird: Bus- und Flugreisende bezahlen nicht nur für ihr Ticket, sondern zusätzlich auch für ihren CO₂-Ausstoß. Das Extrageld finanziert Projekte, die woanders auf der Welt dieselbe Menge CO₂ einsparen sollen. Wenn Basekanimbereka etwas auf ihrem Edelstahlofen erhitzt, wird weniger CO₂ frei als durch ein offenes Feuer. So kann in Deutschland jemand "CO₂-neutral" Bus fahren oder fliegen – so das Versprechen.

Als in Polen in diesen Tagen beim Klimagipfel über die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens verhandelt wurde, ging es vor allem darum, die abstrakten Zusagen der Vereinten Nationen in konkrete Projekte zu überführen.

Ein großes Problem: Viele Industrien – und damit die Kunden – zahlen nicht für die Schäden, die sie durch ihr Angebot verursachen. Statt ganz aufs Fliegen zu verzichten, erkaufen sich die Reisenden eine saubere CO₂-Bilanz. Die CO₂-Menge, die Deutsche durch Spenden an Projekte wie jenes in Ruanda kompensiert haben, hat sich laut Umweltbundesamt in nur vier Jahren von fünf auf zehn Millionen Tonnen verdoppelt. Schließlich kostet das gute Gewissen oft nur wenige Euro extra.

Aber hilft es wirklich dem Klima? Die Bedenken sind genauso alt wie dieses Versprechen. Verbraucherschützer klagen, die Angebote seien nicht transparent genug. Die Stiftung Warentest nennt die Kompensation eine "zweitbeste Lösung". Selbst der Papst bezeichnete die Idee der Klimakompensation vor einem Jahr als "Heuchelei". Und der für seine Wachstumskritik bekannte Ökonom Niko Paech vergleicht die Zahlungen fürs gute Gewissen mit einem Konzept, das einst die Kirche erfand: "Solche Kompensationen sind ähnlich wie der mittelalterliche Ablasshandel."

Was ist dran an der Kritik? Intransparent sind die Kompensationsangebote für alle, die nicht viel Zeit verschwenden wollen. Manche Unternehmen wie etwa die Billigfluggesellschaft Ryanair oder der Fernbusbetreiber Flixbus bieten die Kompensation direkt beim Buchen auf ihrer Website an. Dort genügt es, ein Häkchen zu setzen oder auf ein Feld zu klicken, und schon erhöht sich der Ticketpreis, und die Sünde scheint abgegolten. Eine Erklärung, was mit dem Extrabetrag passiert, bekommt der Nutzer zunächst nicht.

Wer glaubt, eine Tonne CO₂ habe einen festen Preis, der irrt

Wer es genauer wissen will, muss sich erst einmal dorthin durchklicken. Denn die Bus- und Flugunternehmen kümmern sich nicht selbst um die Kompensation, sondern arbeiten mit Agenturen zusammen. Bei Flixbus steht immerhin direkt bei der Buchung dabei, dass der Anbieter Atmosfair die Kompensation übernimmt, und ein Klick auf "weitere Informationen" verrät auch, wohin das Geld geht – nämlich in das Ofen-Projekt in Ruanda. Bei Ryanair gibt es weder einen Link noch einen Hinweis zum Projekt. Und andere Gesellschaften wie etwa die Lufthansa bieten beim Buchen überhaupt keine Kompensation an. Hier muss der Nutzer – sofern er davon weiß – eine extra Kompensationswebsite aufrufen, die die Lufthansa eingerichtet hat. Das Unternehmen teilt auf Anfrage mit: "Im Laufe des kommenden Jahres soll es für unsere Kunden möglich sein, direkt in der Online-Buchung eine CO₂-Kompensation durchzuführen."