Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vielen Disziplinen – unter anderem aus der Geschichtswissenschaft, Ethnologie und Kunstgeschichte – verfolgen die Debatte um den Umgang mit kolonialen Objekten mit wachsender Spannung. Wir begrüßen, dass in dem jetzt erschienenen Abschlussbericht von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy konkrete Vorschläge dazu vorliegen. Auch wir erachten die Restitutionen sowie eine proaktive Restitutionsbereitschaft als unabdingbare Voraussetzung, um verweigerte Anerkennung und verweigerte Gegenseitigkeit zu überwinden. Wir unterstützen daher die Forderung nach Restitutionen. Und doch: So wichtig die Frage nach Rückgabe auch ist und sosehr historisches Erinnern immer auch mit Fragen von Schuld und Gerechtigkeit, Moral und Unrecht zu tun hat, so wenig darf vergessen werden, dass die Objekte noch viel tiefer gehende Geschichten erzählen.

Daher sollte die Debatte nicht auf die Forderung nach Restitutionen oder Reparationen beschränkt werden. Vielmehr sollten wir die Chance ergreifen, die diese Diskussion eröffnet: die Möglichkeit, über eine Auseinandersetzung mit diesen Objekten eine jahrhundertealte – wenn auch in vieler Hinsicht brutale und gewaltgeprägte – gemeinsame Geschichte dem kolonialen Vergessen zu entreißen und Verantwortung für diese entangled history in Gegenwart und Zukunft zu übernehmen. Eine Geschichte, in der die Menschen, die diese Dinge in Afrika, Ozeanien, Asien, Australien und den Amerikas hergestellt, genutzt, gehandelt, verkauft und durch koloniale Gewalt verloren haben, genauso eine Rolle spielen wie die Menschen, die sie geraubt oder gekauft, nach Europa verschifft und dort gebraucht und eventuell ausgestellt haben. Die Gewalt des kolonialen Herrschaftsverhältnisses war Teil dieser Geschichte.

Eine Debatte über koloniale Objekte, wie wir sie fordern, eröffnet Perspektiven für die Neugestaltung der Gegenwart, und zwar insbesondere mit jenen Regionen, mit denen Europa seit Langem durch die koloniale Geschichte sowie durch neokoloniale ökonomische Beziehungen unauflösbar verbunden ist. Folgt man Achille Mbembe und anderen, so könnte über die kolonialen Objekte die einzigartige Möglichkeit entstehen, auf der Grundlage eines neuen Blickes auf die gemeinsame koloniale Geschichte die Beziehungen zu den Ländern und Gesellschaften Afrikas und Ozeaniens, Asiens, Australiens und der Amerikas gemeinsam mit diesen neu zu definieren und auf eine tragfähige Basis zu stellen. Was wir jetzt brauchen, ist:

1. Eine nachhaltige Unterstützung der vielen Initiativen zur Aufarbeitung lokaler Kolonialgeschichte, die sich in mittlerweile fast allen größeren Städten beobachten lassen; sowie eine Unterstützung sowohl der Initiativen politischer Stiftungen und einzelner Museen als auch der Arbeit zahlreicher Forscherinnen und Forscher, die sich mit Kolonialgeschichte, museum studies sowie mit Objekt- und Provenienzforschung beschäftigen.

2. Mehr Engagement politischer Bildungsinstitutionen sowie eine Stärkung schulischer Initiativen.

3. Eine Unterstützung der vielen, insbesondere gemeinschaftlichen Forschungs- und Museumsinitiativen, die hierzulande und in den Herkunftsländern seit geraumer Zeit laufen und die besonderen Herausforderungen von Provenienzforschung, Digitalisierung, transnationaler Kooperation und Restitution/Rezirkulation von Objekten schultern müssen.

4. Eine zentrale Institution, zum Beispiel eine Stiftung, die das enorme Wissen, das bereits zusammengetragen wurde, in Berlin bündelt, Forschung, Museumsarbeit und Politik in Deutschland und perspektivisch auch in Europa vernetzt, neue Akzente setzt, Initiativen startet und auch die Einrichtung dezentraler Lernorte unterstützt.

Lesen Sie mehr zur Debatte um Werke aus der Kolonialtzeit im Stück "Rückgabe – und mehr!" aus der aktuellen ZEIT (für Abonennten).

Der oben formulierte Appell wurde unterzeichnet von:

Dr. Bettina Brockmeyer (Erlangen), Dr. Larissa Förster (Berlin), Dr. Bernhard Gißibl (Mainz), Prof. Dr. Rebekka Habermas (Göttingen), Prof. Dr. Ulrike Lindner (Köln)

Dr. Robbie Aitken (Sheffield), Prof. Dr. Gabriele Alex (Tübingen), Dr. Caroline Authaler (Köln), Dr. Kokou Azamede (Lomé), Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst (Köln), Dr. Felix Brahm (London), Dr. Anna-Maria Brandstetter (Mainz), Anna Brus (Köln), Dr. Miriam Brusius (London), Dr. Jesse W. Bucher (Roanoke College), Prof. Dr. Hubertus Büschel (Groningen), Nicola Camilleri (Pavia), Prof. Dr. Sebastian Conrad (Berlin), Prof. Dr. Hansjörg Dilger (Berlin), Prof. Dr. Heike Drotbohm (Mainz), Prof. Dr. Andreas Eckert (Berlin), Dr. Iris Edenheiser (Berlin), Frank Edward (Daressalam), Dr. Sarah Ehlers (München), Prof. Dr. Geoff Eley (Ann Arbor), Dr. Anne Friedrichs (Mainz), Ricardo Márquez Garcia (Köln), Prof. Dr. Stefanie Gänger (Köln), Prof. Dr. Gabriele Genge (Duisburg/Essen), Christine Gerbich (Berlin), Prof. Dr. Joël Glasman (Bayreuth), Andreas Greiner (Zürich), Prof. Dr. Bernd-Stefan Grewe (Tübingen), Dr. Tanja Hammel (Basel), Prof. Dr. Julia Hauser (Kassel), Daniela Hettstedt (Basel), Dr. Richard Hölzl (Kassel), Dr. Anette Hoffmann (Wien), Prof. Dr. Isabel Hull (Cornell University), Nicola Jahn (Hamburg), Prof. Dr. Jens Jäger (Köln), Noelle M. K. Y. Kahanu (Hawaii), Dr. Alya Karame (Oxford/Berlin), Prof. Dr. Alexandra Karentzos (Darmstadt), Prof. Dr. Michi Knecht (Bremen), Prof. Dr. Reinhart Kößler (Berlin/Freiburg), Prof. Dr. Matthias Krings (Mainz), Dr. Anja Laukötter (Berlin), Prof. Dr. Susanne Leeb (Lüneburg), Prof. Dr. Sara Lennox (Amherst), Prof. Dr. Carola Lentz (Mainz), Dr. Dörte Lerp (Köln), Prof. Dr. Bea Lundt (Flensburg), Prof. Dr. Sharon Macdonald (Berlin), PD. Dr. Stefanie Michels (Hamburg), Dr. Esther Möller (Mainz), Dr. Dominik Nagl (Mannheim), Tristan Oestermann (Berlin), Prof. Dr. Johannes Paulmann (Mainz), Dr. Michael Pesek (Berlin), Karl Pohrt (Ann Arbor), Linda Ratschiller (Fribourg), Dr. Verena Rodatus (Berlin), Prof. Dr. Regina Römhild (Berlin), Prof. Dr. Kirsten Rüther (Wien), Dr. Musa Sadock (Daressalam), Dr. Bernhard Schär (Zürich), Gabriel Schimmeroth (Hamburg), Dr. Philipp Schorch (München), Prof. Dr. Iris Schröder (Erfurt), Dr. Felix Schürmann (Erfurt), Dr. Holger Stoecker (Berlin), Juniorprof. Katharina Stornig (Gießen), Prof. Dr. Ulrike Strasser (San Diego), Prof. Dr. Benedikt Stuchtey (Marburg), Dr. Imani Tafari (Mona, Jamaika), Dr. Jonas Tinius (Berlin), Prof. Dr. Julia Tischler (Basel), Prof. Paul Turnbull (Tasmanien), apl. Prof. Dr. Melanie Ulz (Osnabrück), Prof. Dr. Margarete Vöhringer (Göttingen), Dr. Ehler Voss (Siegen), Karolin Wetjen (Göttingen), Prof. Dr. Lora Wildenthal (Houston), Dr. Anna-Katharina Wöbse (Gießen), Dr. Joachim Zeller (Berlin), Prof. Dr. Aram Ziai (Kassel), Prof. Dr. Martin Zillinger (Köln)