Intensiv wurde in den letzten Wochen darüber diskutiert, wie mit kolonialen Objekten umgegangen werden soll. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor allem aus der Geschichtswissenschaft, Ethnologie und Kunstgeschichte verfolgen die Debatte mit Spannung, aber auch mit einer gewissen Skepsis.

Zweifellos muss es darum gehen, zurückgeforderte Objekte zurückzugeben. Und zwar weil sie in sehr vielen Fällen aus kolonialen Gewaltverhältnissen stammen und nach heutigem Rechtsverständnis dorthin gehören, wo sie ursprünglich genutzt wurden. Genau das bekräftigt der Abschlussbericht von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy zu der Frage, wie mit den kolonialen Objekten in Frankreichs Museen umgegangen werden soll. Die lange Zeit aus fast allen großen Häusern des Westens zu hörende Auffassung, aus der Tatsache, dass die Objekte über Jahrzehnte hinweg verwahrt worden sind, sei ein quasi natürliches Recht erwachsen, diese zu behalten, wird heute nur noch von wenigen vertreten. Auch wird die daraus vermeintlich automatisch abzuleitende besondere Verantwortung des Westens für koloniale Objekte mittlerweile als das verstanden, was sie ist: eine koloniale Anmaßung, die Verantwortung für eine gewalthafte Geschichte mit dem Besitz von Dingen verwechselt.

Kurzum, der Konsens, dass Rückgabe der einzig angemessene Weg ist, um einen Umgang mit der eigenen Geschichte zu finden, ist groß. Nun wird auch in der deutschen Öffentlichkeit etwas diskutiert, was andernorts, etwa in Australien, Neuseeland und Kanada, bereits seit mindestens zwei Jahrzehnten auf der Tagesordnung steht. Spätestens seit den Neunzigerjahren, als Vertreter der Maori von Museen am Ort einen neuen Umgang mit ihrem kulturellen Erbe einforderten, wird dort darüber diskutiert, wie mit den Hunderttausenden von Objekten, die in den Depots lagern, umgegangen werden soll. Diese Diskussionen waren nicht immer einfach. Manches Mal wollten die ursprünglichen Besitzer die Dinge zurückhaben, um sie wieder für Zeremonien zu nutzen, in denen diese seit Jahrzehnten schmerzlich vermisst worden waren. In Australien waren wohlmeinende Museumsprofis mit der Forderung konfrontiert, die Dinge auf keinen Fall auszustellen, weil dadurch deren Aura zerstört werde. Andere Vertreter der ursprünglichen Besitzer wollten die Objekte einfach nur anschauen, um die damit verbundenen Geschichten erzählen zu können. Diese Geschichten waren nicht selten auch für aktuelle politische Kämpfe von Bedeutung – wie der Ethnologe James Clifford aus Alaska berichtete.

Diese Debatten zeigen: So wichtig die Rückgabe der Objekte ist und so dringend eine gesetzliche Regelung gebraucht wird, so schwierig ist es, die Debatte darauf zu beschränken. Das gilt in Deutschland auch deswegen, weil es für die Mehrzahl der mehr als zwei Millionen Objekte, die in hiesigen Häusern lagern (darunter auch Stadt- und Heimatmuseen), keine Rückgabeforderungen gibt. Die Objekte werden zum Teil als wertlos erachtet, oder die ursprünglichen Eigentümer wissen nichts von ihrem Verbleib. Eine Reduktion der Debatte auf Fragen der Restitution droht die Perspektiven derjenigen einzuengen, denen Europa und Nordamerika die Objekte verdanken.

Mehr noch, es heißt auch, ungewollt das zu befördern, was manche "koloniales Vergessen" nennen. Andere, wie die Historikerin Ann Laura Stoler, nennen dieses Vergessen, wie es sich – verschieden ausgeprägt – auch in den Ex-Kolonialstaaten England, Portugal, Spanien, Niederlande und Frankreich beobachten lässt, präziser eine "koloniale Aphasie". Gemeint ist damit, dass die gewalthafte Kolonialgeschichte mehr oder minder vergessen scheint beziehungsweise nur in wenigen Facetten überhaupt öffentlich thematisiert wird, und das, obschon sie einen wesentlichen Bestandteil des europäischen Erbes darstellt. Stattdessen werden wie im Rahmen der Brexit-Debatte imaginierte, erheblich idealisierte koloniale Vergangenheiten heraufbeschworen. Gewiss, viele deutsche Lehrpläne erwähnen die Kolonialgeschichte, aber integraler Bestandteil der deutschen Geschichte ist die Kolonialzeit nicht. Ein selbstverständlicher Teil der britischen oder französischen Geschichte ist sie ebenfalls nicht geworden, vielmehr stehen in diesen Ländern Vergessen, nostalgische Erinnerungen an "imperiale Größe" und kritische Auseinandersetzung unverbunden nebeneinander.

So unabdingbar die Restitution als erster Schritt ist, und zwar als gesetzlich verbindlicher Regelfall, so wenig darf man es dabei belassen. Reduziert man nämlich koloniale Vergangenheit auf die Frage der Restitution, wird die Suggestion erzeugt, man brauche nur Schuld einzugestehen und Geraubtes zurückzugeben, und schon sei dieses Kapitel europäischer Geschichte ungeschehen gemacht. Das wäre absurd.

Statt die Debatte auf die Restitution einzuschränken, sollte man von den Aktivisten aus Neuseeland und Australien lernen und die vielleicht größte Chance, die diese Diskussion eröffnet, beim Schopfe packen: die Möglichkeit, über eine Auseinandersetzung mit diesen Objekten eine jahrhundertealte gemeinsame Geschichte zu entdecken, in der die Menschen, die diese Dinge in Afrika, Ozeanien und Asien hergestellt und genutzt haben, genauso eine Rolle spielen wie die Menschen, die sie geraubt oder gekauft, dann nach Europa verschifft und dort eventuell ausgestellt, aber in jedem Fall auf vielfältige Art und Weise gebraucht haben. So erinnern die Benin-Bronzen, die durch einen Plünderungszug der Briten nach Europa, ja sogar bis nach Nordamerika kamen, nicht nur an ein koloniales Massaker. Sie sind gleichzeitig Zeugen einer für die europäische Moderne folgenreichen Begegnung von europäischen Künstlern mit westafrikanischen Artefakten. Es waren nämlich unter anderem die Benin-Bronzen, die Maler wie Emil Nolde und Max Pechstein im Berliner und Dresdner Völkerkundemuseum entdeckten, abzeichneten und sogleich in ihre Skizzen und Gemälde integrierten, womit sie die moderne Kunst prägten. So kann man etwa im Sinne des Historikers und postkolonialen Theoretikers Dipesh Chakrabarty zeigen, dass es niemals eine ausschließlich europäische Moderne gab.