China galt als der größte Exportmarkt für Plastikmüll aus Deutschland – bis das Land Anfang des Jahres die Qualitätsstandards für importierte Abfälle anhob. Stark verschmutzte und schlecht sortierte Altkunststoffe dürfen seither nicht mehr in die Volksrepublik eingeführt werden. Für Deutschland ein schwerer Schlag. Wohin mit den 850.000 Tonnen Plastikmüll, die Deutschland jährlich nach China verschifft hat? Immerhin sind das umgerechnet rund vier gefüllte gelbe Säcke je Einwohner im Jahr.

Die Antwort führt über viele Länder Südostasiens, die eines gemeinsam haben. Am Ende exportieren sie ihren Müll nach China. Zahl für Zahl fügt sich dieses auf den ersten Blick so verwirrende Bild immer klarer zusammen. Da gibt es zum Beispiel die vom Statistischen Bundesamt erhobenen Exportzahlen für Januar bis September 2018 über die größten Abnehmer für deutschen Plastikmüll. Demnach exportierten wir fast 107.000 Tonnen Altkunststoffe allein in den ersten neun Monaten nach dem Importstopp nach Malaysia. Das sind 32.000 Tonnen mehr als im gesamten Vorjahr. Auch in andere Ecken Südostasiens wie Taiwan, die Philippinen und Singapur wird aktuell mehr deutscher Plastikmüll verschifft. Am deutlichsten ist die Exportmenge nach Indonesien gestiegen, und zwar um das 70-Fache im Vergleich zum Vorjahr.

Auch finden zunehmend Altkunststoffe ihren Weg nach Osteuropa. Die Tschechische Republik beispielsweise nahm bis September 2018 mehr als 32.000 Tonnen deutschen Plastikmüll auf – 11.000 Tonnen mehr als im Vorjahr.

Der größte Abnehmer für Kunststoffabfälle aus Deutschland in der Europäischen Union sind die Niederlande. Sie importierten fast 90.000 Tonnen. Hier liegt der Schlüssel zur neuen Strategie. Das niederländische Recycling- und Plastikunternehmen TCR Plastics teilt mit, dass sich das Recyclinggeschäft der Firma mit deutschen Kunden seit Jahresbeginn mindestens verdoppelt habe. Für die Exporte nach China ist TCR Plastics ein entscheidender Zwischenhändler. Das Unternehmen handelt mit sortierten und zu Flakes und Pellets aufbereiteten Kunststoffabfällen, sogenannten Rezyklaten. Diese Recycling-Zwischenprodukte können von der kunststoffherstellenden Industrie als Rohstoff weiterverschifft werden. Und da sie diese primär in China verwendet, werden in Europa und Südostasien die Abfälle lediglich für ihre Wiederverwertung vorbereitet. Für ihre finale Verarbeitung würden sie nach China weiter verschifft werden, heißt es beim Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE). Aus Abfall wird in gewisser Weise ein Zwischenprodukt.

Mit dem Import der Rezyklate spart sich China die aufwendige Sortierung und Aufbereitung der Abfälle. In der Branche ist es unbestritten, dass ein Großteil des Plastikmülls, den Deutschland nach China verschiffte, stark verschmutzt oder schlecht sortiert war, sich daher nur schwer recyceln ließ. Die chinesischen Kunden wollten das nicht mehr tolerieren, sie wurden anspruchsvoller. Offiziell begründete die chinesische Regierung in einem Schreiben an die Welthandelsorganisation (WTO) den Importstopp mit der starken Umweltbelastung des Landes durch die eingeführten Abfälle.

Die Maßnahme zeigt aber auch, dass China ein Interesse an einer eigenen funktionierenden Kreislaufwirtschaft hat.

Tatsächlich investiert China zunehmend Geld in technische Innovationen und baut immer mehr neue Anlagen. Bereits vor fünf Jahren führte die Volksrepublik eine vorübergehende Beschränkung von Abfallimporten ein. Die Operation "Grüner Zaun" sollte die Qualität der eingeführten Kunststoffabfälle verbessern. Daraufhin wurden Abfälle zum Teil an der chinesischen Grenze abgewiesen und in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt. 2017 folgte Chinas Strategie, die den Namen "Nationales Schwert" trägt und die zu dem aktuellen Importstopp geführt hat.

Für die deutsche Industrie könnte das ein Weckruf sein, dass sie endlich ihrerseits Kapazitäten ausbaut. Gegenwärtig erarbeitet die EU-Kommission eine Kunststoffstrategie, deren Ziel es ist, die Entstehung von Plastikmüll zu begrenzen: Ab 2030 sollen alle Kunststoffverpackungen auf dem EU-Markt recyclingfähig sein. Zudem sieht das Maßnahmenpaket ein Verbot einiger Einweg-Kunststoffprodukte vor, sie sollen durch umweltfreundlichere Stoffe ersetzt werden. Plastiktrinkhalme und Plastikgeschirr sind da nur das berühmteste Beispiel.

Zudem wird die Recyclingquote mit dem am 1. Januar 2019 in Kraft tretenden neuen Verpackungsgesetz von 36 auf 58,5 Prozent erhöht. Das soll dazu führen, dass der Anteil an recycelten Sekundärrohstoffen zunimmt. Ein Beispiel dafür ist der Trend, auf Plastiktüten zu verzichten. Im Rahmen des Gesetzes soll jeder, der Verpackungen in Umlauf bringt, für deren Rücknahme und Verwertung verantwortlich sein. Auch deshalb kosten Plastiktüten in fast allen Geschäften schon jetzt Geld. Ab 2022 soll die Recyclingquote dann auf 63 Prozent steigen.

Ob eine europäische Kunststoffstrategie oder eine höhere Recyclingquote dazu führt, dass Deutschland sich selbst um die Wiederverwertung seines Plastikmülls kümmert, statt das Problem weiter ins Ausland abzuschieben, wird sich zeigen. Aktuell führen für Deutschlands Plastikmüll noch immer viele Wege nach China. Als hätte es den Importstopp nie gegeben.