DIE ZEIT: Frau Köller, ist die ZEIT mitverantwortlich für den Lehrermangel?

Michaela Köller: Journalisten vereinfachen ja gern, aber so simpel ist es natürlich nicht. Für den Lehrermangel gibt es viele Ursachen, allen voran die falschen Bedarfsprognosen der Politik. Was jedoch richtig ist: Der Lehrerberuf wird in verschiedenen großen Medien tendenziell negativ dargestellt. Das kann sich ungünstig auf die Motivation junger Leute auswirken, Lehrer zu werden. Denn das Image eines Berufes beeinflusst nun einmal die Berufswahl.

ZEIT: Was genau haben Sie herausgefunden?

Köller: Ich habe mir mit Kollegen angeschaut, wie große Printmedien den Lehrerberuf behandeln, also die Kompetenzen von Lehrkräften, den Unterricht oder das Schulsystem insgesamt. Dafür haben wir 500 Artikel, die zwischen 2004 und 2014 im Focus, im Spiegel und in der ZEIT erschienen sind, danach beurteilt, ob sie eine positive, eine negative oder eine neutrale Botschaft hatten. Bei dieser Inhaltsanalyse kam heraus, dass der Tenor der Beiträge eher negativ ausfiel.

ZEIT: Unterschieden sich die drei Medien?

Köller: Im Focus kam der Lehrerberuf positiver weg, im Spiegel negativer, die ZEIT lag dazwischen, jedoch auch mit deutlich negativer Schlagseite.

ZEIT: Wir dachten, dass wir über Schule und Lehrer eher konstruktiv berichten.

Köller: Wir reden hier von Durchschnittswerten. Die schließen natürlich nicht aus, dass es viele positive Beiträge gibt. Zudem kommen die Lehrer selbst und ihr Unterricht in der ZEIT besser weg als das Schulsystem im Ganzen. Kritisiert werden etwa die häufigen und schlecht vorbereiteten Reformen, der dramatische Lehrermangel oder der Bildungsföderalismus.

ZEIT: Diese Kritikpunkte kommen von den Lehrern selbst. Zugespitzt formuliert: Wer jammert, darf sich nicht wundern, wenn über seinen Beruf nicht in strahlenden Farben berichtet wird, oder?

Köller: Das Bild vom Jammerlehrer ist ein Vorurteil. Aber tatsächlich gibt es so etwas wie eine negative Selbststereotypisierung von Lehrern. Das beginnt schon in der Ausbildung. Wenn wir angehende Lehrkräfte an der Uni befragen, was das Tolle an ihrem zukünftigen Beruf ist, fällt ihnen erst einmal wenig ein. Bei Psychologie- oder Medizinstudenten ist das anders, die sagen sofort: Ich möchte Menschen helfen, sich zu verändern. Oder: Ich möchte Leben retten. Lehrkräften dagegen fällt es offensichtlich schwerer, ein selbstbewusstes Bild von ihrem eigenen Beruf zu entwickeln.

ZEIT: Immerhin stellen Sie in Ihrer Studie einen positiven Trend fest.

Köller: Das ist ermutigend. Das Können von Lehrkräften, ihre Motivation und die Qualität des Unterrichts werden heute positiver dargestellt als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Man erkennt an, was Lehrkräfte leisten. Sie sind keine faulen Säcke mehr.

ZEIT: Das hat ja kein Journalist behauptet, sondern ein ehemaliger Bundeskanzler in einem Gespräch mit Redakteuren einer Schülerzeitung, Gerhard Schröder.

Köller: Auch Politiker reden heute in der Regel wertschätzender als früher über den Lehrerberuf, in den Rankings steht er im Ansehen mittlerweile im oberen Drittel – bei den Lehrern selbst scheint diese Aufwertung aber noch nicht angekommen zu sein.

ZEIT: Wie sollten wir Journalisten dazu beitragen, den Lehrerberuf aufzuwerten?

Köller: Indem Sie etwa häufiger über positive Trends berichten. Bei internationalen Schulvergleichen wie Pisa schneiden deutsche Schüler heute besser ab als um die Jahrtausendwende. Oder fragen Sie doch einmal berühmte Leute, welche Lehrkräfte sie geprägt haben. Eigentlich erinnert sich fast jeder an einen Lehrer oder eine Lehrerin, die ihm etwas Besonderes mitgegeben hat. Es braucht mehr motivierende Geschichten, in denen Lehrer trotz Widrigkeiten etwas für ihre Schüler erreichen.