Seine ersten Skizzen zeichnete Jan Störmer unter freiem Himmel. Er setzte sich an die Außenalster, genau dorthin, wo ein reicher Mann das beste Hotel Deutschlands bauen wollte, er betrachtete das Grün der Bäume, ihre runden Kronen und begann zu zeichnen: drei Kreise. Mehr nicht. Ein Gebäude, das natürlich aussieht, wie gewachsen, und das vom Himmel aus an drei gewaltige Baumwipfel erinnern soll. Ein Haus ohne gerade Außenwände.

Der reiche Mann war begeistert. Er schüttelte Jan Störmer herzlich die Hand, seine Frau nahm den Architekten gleich in die Arme, als Störmers Entwurf am 24. September 2013 einstimmig zum Sieger des internationalen Architektenwettbewerbs gekürt wurde. "So stelle ich mir mein Hotel vor", sagte Klaus-Michael Kühne, der Bauherr. Und Jan Störmer, die Künstlerseele, immer einen Bleistift in der Tasche, um im Restaurant seine Ideen auf Servietten zu kritzeln, antwortete: "Herr Kühne, Sie haben sich für einen sehr teuren Entwurf entschieden." Dann lachten sie gemeinsam, zwei Männer, die einander vertrauten.

Störmer hatte bereits die Deutschlandzentrale von Kühnes Logistikkonzern Kühne+Nagel in der HafenCity gebaut, günstiger und schneller als geplant. Seither war er Kühnes Lieblingsarchitekt.

Heute sitzt Jan Störmer im Besprechungsraum seines Büros an der Michaelisbrücke auf der Fleetinsel und sagt, offensichtlich tief getroffen: "Es ist traurig, dass ich mit Herrn Kühne keinen gemeinsamen Nenner finde, der uns beide feiern lässt." Im März dieses Jahres wurde das Fontenay eröffnet – fast zwei Jahre verspätet und doppelt so teuer wie geplant. Die Architektur des Hotels wird weltweit gelobt, die Zimmerpreise sind die höchsten der Stadt. Doch der Bau wurde zum Leidensweg für alle Beteiligten. Seit Jahren kämpfen sie gegeneinander vor Gericht. Und Jan Störmer wartet vergeblich darauf, das Honorar für seine geleistete Arbeit zu bekommen. "Wir können das finanzielle Loch nur schwer vor uns herschieben", sagt er. "Da lässt uns Herr Kühne einfach reinfallen."

Der Ärger begann aus heutiger Sicht mit Kleinigkeiten, die sich durch falsche Entscheidungen zu einem Sturm aufbauten. Dieser Sturm kostete Klaus-Michael Kühne viele Millionen Euro. Und Jan Störmer kostet er bis heute seine Nachtruhe, denn auf das ausstehende Honorar von mehreren Jahren Arbeit kann sein Büro nicht verzichten. Außerdem leidet der Mann, der so gern runde Gebäude baut, unter dem Streit und der Kantigkeit seines Gegenübers. "Ich bin Herrn Kühne sehr dankbar für seinen Mut, den Entwurf umzusetzen, so einen Bauherrn muss man erst einmal finden", sagt Störmer. "Dass ich jetzt von ihm ignoriert werde – da muss ich eine große innere Kraft aufbringen." Seit drei Jahren haben sie kein Wort miteinander gesprochen.

Von Anfang an behinderten sich die Planer des Großprojekts gegenseitig

Kühne lässt seinen Architekten zappeln. Das Honorar für die künstlerische Oberleitung des Baus soll Störmer erst bekommen, wenn der Streit um eine fristlose Kündigung aus dem Jahr 2014 vor Gericht entschieden ist. Die Summe, um die es geht, mag nebensächlich sein für Kühne, dessen Vermögen laut Handelsblatt mehr als 13 Milliarden Euro beträgt. Für Störmers Büro ist sie enorm.

Die ersten Wolken zogen schon bald nach der Feier des Siegerentwurfs auf. Kühne, vertreten durch seine Kühne Immobilia GmbH, wollte, dass Störmers Büro das Projekt allein stemmt. Störmer wollte angesichts der Größe lieber Experten dazuholen. Von seinem Vater, der als Architekt unter anderem die Alsterschwimmhalle gebaut hat, hat er sich den Rat gemerkt: Mache das selbst, was du gut kannst, und hole dir für alles andere die besten Leute dazu. Deshalb gründete er die Arbeitsgemeinschaft Generalplanung Fontenay (Arge), gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Höhler+Partner, das auf Kosten- und Terminplanung spezialisiert ist. Kühne war verärgert.

Kühne selbst hatte ebenfalls Berater engagiert. Das Hamburger Büro Meding Plan + Projekt (MPP) sollte die Projektsteuerung und zugleich die Bauherrenvertretung übernehmen. Der Auftrag: Am 1. Juli 2016 müsse die Eröffnung stattfinden. Doch von Anfang an gab es Streit zwischen MPP und Störmers Arbeitsgemeinschaft. MPP vertrat gegenüber Kühne die Ansicht, das Hotel könne statt für 84 Millionen, wie von Störmer veranschlagt, auch für weniger als 68 Millionen Euro reine Baukosten errichtet werden. Störmer war entsetzt und versuchte Kühne zu warnen, dass er unprofessionell beraten werde. Der ließ ihn abblitzen.

Seit Jahren tobt der Streit vor Gericht

Zwei Gewitterwolken türmten sich jetzt schon am Himmel: Es arbeiteten viele Planer und Berater an dem Projekt, die sich von Anfang an gegenseitig behinderten und ineinander verhakten. Und, gravierender noch: Die Kosten waren viel zu niedrig angesetzt, um das in allen Belangen beste Hotel Deutschlands zu bauen, wie Kühne es öffentlich verlangte. Heute schätzen Insider, dass die reinen Baukosten bei rund 120 Millionen Euro liegen dürften, das gesamte Projekt inklusive Abbruch- und Planungskosten habe um die 180 Millionen Euro verschlungen.

Der Sturm brach los, als das von Störmers Arbeitsgemeinschaft beauftragte Ingenieurbüro Winter mitteilte, dass es die Pläne für die Haustechnik nicht pünktlich liefern könne. Die Ingenieure drohten laut Zeugen sogar damit, ihre Arbeit einzustellen, wenn sie nicht angemessen bezahlt würden. So brachten sie Störmers Arbeitsgemeinschaft in eine heikle Situation. Denn sie musste rechtzeitig alle Pläne vorlegen.

Der Architekt Jan Störmer, 76, nennt das Fontenay "mein Meisterwerk" © Christian O. Bruch / laif

Hätte man die Eskalation an dieser Stelle noch verhindern können? Vielleicht, wenn Störmer und Kühne sich darauf verständigt hätten, was überhaupt das Problem war.

Für Störmer war klar: Das Problem waren letztlich die Projektsteuerer von MPP mit ihren viel zu niedrigen Kostenschätzungen und dem fehlenden Mut, dem Bauherrn die teure Wahrheit zu sagen. Störmers Version wird heute von einem außenstehenden Hotelexperten gestützt. Für Kühne war dagegen klar: Das Problem war die Arbeitsgemeinschaft, weil sie wegen eines Konflikts in ihrem Verantwortungsbereich die Pläne nicht wie abgemacht lieferte. Karl Gernandt ist Kühnes engster Mitarbeiter, ein "Caretaker", wie er sich selbst nennt, er leitet auch die Kühne Immobilia GmbH, die das Fontenay gebaut hat. Gernandt sagt: "Mindestens ein Arge-Partner hat nicht geliefert. Das ging auf Dauer einfach nicht."

Im November 2014 kündigte Kühne Störmers Arbeitsgemeinschaft fristlos. Seit Jahren tobt nun der Streit vor Gericht. Jan Störmer und seine Partner verklagten die Kühne Immobilia auf 2,57 Millionen Euro Honorar und Entschädigung, weil sie den Rauswurf für ungerechtfertigt halten. Im Gegenzug verklagte Kühne Immobilia die Arbeitsgemeinschaft auf 2,65 Millionen Euro, wegen des angeblich durch die Verzögerung entstandenen Schadens.

Im April dieses Jahres steht Jan Störmer vor Zimmer B227 im Ziviljustizgebäude am Sievekingplatz. Er leidet sichtlich. "Ach, Kinners", seufzt er vor Beginn der Verhandlung. Im kargen Raum verfolgt er mit versteinerter Miene die Zeugenvernehmungen und schüttelt immer wieder den Kopf. Die Richterin verhört seit Tagen die Architekten und Planer, die am Fontenay mitgebaut haben. Mit jeder Aussage wird deutlicher, wie sehr dieses Projekt alle Beteiligten zumindest zeitweise überfordert hat:

Der Bauherr Klaus-Michael Kühne, 81, nennt das Fontenay "meine kleine Elbphilharmonie" © Christian Sabrowski / dpa

Im Keller wurde schon losbetoniert, während die Pläne für die Schlitze und Durchbrüche in den Wänden noch einmal geändert wurden. Deshalb mussten später ganze Wände wieder eingerissen oder umgebaut werden. Was das gekostet habe, fragt die Richterin. "Ich gehe davon aus, dass es im Millionenbereich war", sagt ein Zeuge, ein Stillstand der Baustelle wäre aber noch teurer gewesen.

Auf der Baustelle wurde auf Wunsch von Kühne ein Musterzimmer eingerichtet, mit Proben von Möbeln und Stoffen. Alle, die dabei waren, erinnern sich mit Grausen an den Begehungstermin. "Herr und Frau Kühne haben sich sehr aufgeregt", sagt ein Projektplaner. Kühne habe einen cholerischen Ausbruch gehabt, erzählt ein Innenarchitekt: "Herr Kühne hat mich drei Mal angebrüllt, mit hochrotem Kopf, und geschrien: 'Sie sind schuld, Sie machen mir mein Projekt kaputt!'" Der Bauherr habe sich betrogen gefühlt, weil auf den Computersimulationen alles großzügiger und schöner ausgesehen habe. Seine Frau sei auch sehr aufgeregt gewesen, berichtet ein Zeuge. Sie schaltete sich ausführlich in die Gestaltung ein.

Die Planer mussten Listen mit Sparvorschlägen einschicken. "Zum Teil waren diese aber mit Einbußen in der Qualität verbunden, die von Herrn Kühne nicht akzeptiert wurden", erzählt ein Zeuge. Gespart werden sollte schon, aber keinesfalls an der sichtbaren Qualität. Ein Innenarchitekt berichtet, dass außerdem viele Kosten falsch kalkuliert waren. Für die Betten seien gerade mal 1.000 Euro eingeplant gewesen, "dafür kriege ich sie nicht mal bei Ikea". Für ein Luxushotel sei die zwei- bis dreifache Summe nötig.

"Meine kleine Elbphilharmonie"

Atrium im Fontenay: Die Vergoldung der Kuppel wurde eingespart. © The Fontenay

Die Verantwortlichen wechselten wie die Trainer des HSV

Nach der Kündigung der Arbeitsgemeinschaft gingen die Probleme erst richtig los. MPP übernahm die Leitung des Projekts, Jan Störmers Büro Störmer Murphy und Partners erhielt einen neuen Vertrag, um die Architekturplanung und die künstlerische Oberleitung fortzuführen. Fast alle Fachplaner wurden ebenfalls wieder beauftragt. Doch die neuen Verträge auszuhandeln kostete viel Zeit.

Nur rund ein Jahr später kündigte Kühne MPP zunächst als Bauherrenvertreter, im Jahr darauf dann auch als Projektsteuerer. Die Projektverantwortlichen wechselten jetzt in ähnlicher Frequenz wie die Trainer des HSV, jedes Mal mit neuen Verzögerungen und Kosten. Ein Innenarchitekt aus Berlin wurde von einem Hotelmanager mit den Worten zu Hilfe gerufen, in Hamburg herrsche "Chaos". Das runde Gebäude trieb manchen Handwerker an den Rand der Verzweiflung. Passende Teppiche für die kurvigen Flure konnte in Deutschland keiner knüpfen, sie wurden eigens aus Hongkong eingeflogen. Zum Schluss gab es auch noch einen Wasserschaden.

Jan Störmer blieb dabei, "am Schluss ein bisschen im Schatten zwar, aber ich habe dieses Gebäude nie verlassen", sagt er. Er wollte nicht gehen, denn er nennt das Fontenay "mein Meisterwerk". Er kümmerte sich um Hunderte Details, beantwortete die Fragen der Firmen – und stritt mit Kühne über Kunst. Als Kühne den vorgesehenen Kronleuchter im Atrium aus Kostengründen ablehnte, entwarf Störmer mit einem niederländischen Hersteller selbst einen riesigen Leuchter, fast eine Tonne schwer. Auch die Lichtchoreografie, die eine sanfte Wellenbewegung in das 27 Meter hohe Atrium bringen soll, schrieb er notgedrungen selbst. Er rang mit Kühne um einen gewaltigen Naturstein für die Auffahrt, den man in Einzelteile zerlegt aus China hätte einfliegen lassen müssen. Und um die Vergoldung der Kuppel. Kühne sagte zweimal Nein.

"Ich kann kämpfen", sagt Störmer. "Aber Herr Kühne auch."

Seit 2015 hat Störmer seinem Bauherrn mehrere Rechnungen für die künstlerische Oberleitung geschickt, über insgesamt 584.000 Euro. Kühne hat keine davon bezahlt. Warum entlohnt er seinen Architekten nicht für eine Leistung, die er unstrittigerweise erbracht hat? "Darüber haben wir uns mit Herrn Störmer unterhalten, dann aber von den Juristen gelernt, dass dies ein fataler Fehler wäre", sagt der Kühne-Manager Karl Gernandt. Solange der Prozess um die Kündigung der Arbeitsgemeinschaft laufe, dürfe man Störmer nicht bezahlen, hätten die Anwälte geraten, weil "wir somit unsere Aufrechnungsmöglichkeiten verringern würden", sagt Gernandt. "Daher haben wir mit Herrn Störmer die klare Vereinbarung: Wenn der Streit mit der Arge befriedet ist, bezahlen wir die Rechnung."

Dieses Abwarten ist für Kühne kein Problem, er hat genügend Zeit und Geld, um den Streit noch jahrelang zu führen. Will er Störmer aushungern, um ihn zu Zugeständnissen vor Gericht zu zwingen? "Nein, auf keinen Fall!", sagt Gernandt. "Unser Ansinnen ist es sicherlich nicht, Herrn Störmer zu schaden." Es gehe doch auch nicht um eine große Summe. "Im Verhältnis ist der Streitwert nicht so hoch", sagt Gernandt, "umso erschreckender ist für mich, dass es uns nicht gelingt, eine Lösung hinzubekommen." Er sei für eine Einigung, bei der beide Seiten ihre Forderungen fallen lassen.

Das wiederum wollen Störmer und seine Partner nicht akzeptieren. Die Verzögerungen am Anfang seien behebbar gewesen, die Kündigung unrechtmäßig, argumentieren sie. In Wahrheit hätten die Projektsteuerer von MPP die Arbeitsgemeinschaft als Sündenbock benutzt, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Weder MPP noch die Haustechnik-Planer Winter Ingenieure haben Anfragen der ZEIT beantwortet.

Klaus-Michael Kühne nennt das Fontenay inzwischen seine kleine Elbphilharmonie. Auch er klingt beinahe traumatisiert, wenn er von der "dramatischen Baugeschichte" spricht. Sein Hotel sollte Hamburg veredeln, ein Geschenk sein an seine Geburtsstadt, die er vermisst, während er seit bald 50 Jahren aus steuerlichen Gründen in der Schweiz wohnt.

"Wir hatten eine unglaubliche Verkettung von unglücklichen Situationen, die am Ende zu hoher Frustration bei Herrn Kühne und mir geführt haben", sagt Gernandt. "Wir haben uns gefragt: Wo sind wir da eigentlich hineingeraten?"

Diese Frage stellt er sich nicht allein.

"Ich hoffe, dass wir wieder Frieden finden", sagt Jan Störmer, "auch für mich selbst."