Ich habe nie einen Intelligenztest gemacht, es gab auch keinen Grund. Ich hatte immer den Eindruck, für das, was ich von der Welt verstehen will, reicht’s. Das Jahr 2018 hat mir allerdings meine geistigen Grenzen aufgezeigt. Eines der Themen, über die 2018 intensiv nachgedacht wurde, war Männlichkeit. Man nennt das Männlichkeitsdiskurs, so weit habe ich es verstanden. Aber vieles, was dieser Diskurs zutage gefördert hat, verstehe ich beim besten Willen nicht.

Im Februar kam der Begriff "toxische Männlichkeit" in Umlauf, was nichts anderes bedeuten kann als giftige Männlichkeit. Was soll damit gemeint sein? Wenn mich ein Mann dumm anquatscht, fühle ich mich beleidigt oder belästigt, aber doch nicht vergiftet. Im Spätsommer brachte das Männermagazin Men’s Health einen Ableger mit dem Namen Dad auf den Markt. Im Editorial schreibt der Herausgeber, es handele sich um ein "Heft, das sich an Väter wendet, ohne die Männer aus den Augen zu verlieren". Über diesen Satz zerbreche ich mir seither den Kopf. Ich ging immer davon aus, dass das Wort "Vater" Menschen bezeichnet, die ein Kind haben und männlichen Geschlechts sind. Der Herausgeber von Dad sieht das anders. Er unterscheidet zwischen Vätern einerseits und Männern andererseits. Wenn Erstere nicht zu Letzteren zählen, welches Geschlecht haben sie dann?

Im Herbst kam Friedrich Merz aus der Versenkung. Er löste eine Debatte darüber aus, ob auf der politischen Bühne wieder der "Testosterontyp" angesagt sei. Abgesehen davon, dass Markus Söder diesen Typus mindestens so stark verkörpert und möglicherweise sogar noch eine Spur toxischer ist als Friedrich Merz, hat dessen Ehefrau drei Kinder auf die Welt gebracht. Nach der Definition der Zeitschrift Dad zählt Friedrich Merz somit zu den Vätern, nicht zu den Männern. Wieso gilt er dann als Musterbeispiel gesteigerter Testosteronhaltigkeit?

Es kann nicht nur an meinen geistigen Grenzen liegen, dass sich hier Widersprüche ergeben, die mir schwer lösbar erscheinen. Zuletzt fiel mir das Buch Pilates für Männer des sympathischen TV-Moderators Matthias Opdenhövel in die Hände. Pilates ist ein Körpertraining. Damit, dachte ich zumindest, kenne ich mich aus. Wenn ich Pilates mache, lege ich mich in meinem Wohnzimmer auf eine Matte. Bei Opdenhövel machen Männer Pilates an riesigen Turngeräten, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Das Jahr geht zu Ende, und ich weiß nur eines: Die Welt der Männer ist mysteriöser denn je.