Wer sich den Spaß macht und eine Internetrecherche nach Marc Aurel startet, erfährt bei Google als Erstes: "Marc Aurel steht für das Modegefühl der modernen Frau." Das war früher noch anders. Bevor ein deutsches Modelabel den Namen des berühmten römischen Kaisers okkupierte und sich bei der Suchmaschine prominent platzieren ließ, stand der Name eher für vorbildliche Herrschertugenden, Bescheidenheit und ein Lebensgefühl, das sich vor modischen Effekten zu hüten suchte. Staatsmänner haben sich gern in diesem Sinne auf Marc Aurel berufen; zuletzt noch Helmut Schmidt, dem darum auch Alexander Demandts glänzende neue Biografie des Kaisers gewidmet ist. Ob ein Kanzler der westdeutschen Teilrepublik sich plausibel auf den Herrscher eines Weltreiches beziehen kann, sei dahingestellt. Aber als Statement wider den Zeitgeistopportunismus leuchtet es sofort ein.

Marc Aurels philosophische Selbstbetrachtungen jedenfalls, die seinen Nachruhm bis ins 20. Jahrhundert trugen, zeigen den Kaiser nur insofern einer Mode unterworfen, als er dem typischen Stoizismus der Spätantike anhing. Der verlangte allerdings auch, auf das Urteil der Mitwelt zu pfeifen und sich gegebenenfalls den Maßstäben der Street-Credibility zu entziehen. Man kann die Betrachtungen, halb Tagebuch, halb Memoiren, die noch anderthalbtausend Jahre nach seinem Tod die europäischen Aufklärer inspirierten, von Montesquieu, Voltaire und Friedrich dem Großen bewundert wurden und immer noch in zahllosen schlechten Ausgaben als Sammlung von Lebensweisheiten vermarktet werden, nur als denkbar größten Gegensatz zur eitel twitternden Internetpräsenz heutiger Staatsmänner sehen. Recht eigentlich sind es kritische Gewissenserforschungen und Selbstermahnungen, die auch deswegen keinen Verdacht auf Propaganda in eigener Sache nahelegen, weil Marc Aurel die moralischen Maßstäbe seinen Regierungsgeschäften tatsächlich zugrunde legte oder es doch versuchte. Bezeichnend ist die Warnung, die er in den Selbstbetrachtungen an sich und seine Nachfolger richtet: nur ja nicht zu "verkaisern", also nicht zum genuss- und rachsüchtigen Despoten zu werden. Seine Fähigkeit, Feinden zu vergeben, sogar Frieden und Gemeinsamkeiten mit ihnen zu finden, war legendär.

Sein Unglück war es aber, dass in seine Amtszeit von 161 bis 180 die erste große Woge des Völkerwanderungssturms fiel – und zugleich die letzte, die noch abgewehrt werden konnte. Die längste Zeit verbrachte der Philosophenkaiser, der zum Militär niemals ausgebildet worden war, im Feldlager, ein oft kränkelnder Mann, den nur ein eiserner Wille zum Kriegführen befähigte – und das psychologische Talent, die richtigen Menschen an die richtigen Stellen zu setzen. Mit Marc Aurel endet die goldene Zeit der Antoninen, der eigens ausgesuchten Adoptivkaiser. Schon mit seinem Sohn, dem haltlosen Commodus, kündigt sich das wacklige Regiment der Soldatenkaiser an.

Der Philosoph auf dem Thron markiert die Epochenwende zum langsamen Abschmelzen des Reiches. Das machte es für den Berliner Althistoriker Demandt, der entscheidende Werke zur Spätantike und zum Untergang Roms verfasst hat, so zwingend, auch die Biografie dieses Schwellenkaisers zu schreiben. Den Plan dazu hegte er lange, 81-jährig hat er ihn jetzt verwirklicht, man kann es nur bewundern. Noch bewundernswerter ist die Anlage des Werkes, die auf jede naiv erzählerische Vergegenwärtigung verzichtet, wie sie heute wieder im Schwange ist, und stattdessen dem Leser die kritische Rekonstruktion eines solchen Lebens vorführt: nämlich direkt aus den Quellen. Mit der Spannung des munteren Drauflosschwadronierens kann ein solches Buch natürlich nicht dienen. An ihre Stelle tritt aber eine andere Spannung, die der eines Detektivromans ähnelt. Man sieht dem Historiker beim Ermitteln zu.

So erfährt man, wie sich aus Münzfunden eine Chronologie der Ereignisse herstellen lässt, die sonst nicht zu gewinnen wäre, aber wie voraussetzungsreich eine solche Datierung auch sein kann – und zugleich wie unsicher. Man erfährt, wie Denkmäler und Bildnisse von einem Historiker gelesen werden, was aus Inschriften hervorgeht beziehungsweise nicht, wie die politische Interessenlage der antiken Autoren zu bewerten ist und warum man ihnen manchmal glauben kann und manchmal nicht. Vor allem aber wird die Bedeutung des größeren geschichtlichen Zusammenhangs deutlich, der immer verlangt, ein paar Jahrhunderte vor und zurück zu blicken und niemals die Gesellschaft und die Wirtschaftsweise der Zeit zu vergessen. Es muss ja auch alles bezahlt werden! Und da ist es wichtig zu wissen, dass Marc Aurels Familie durch Ziegeleien reich, sehr reich geworden war und dass sich der Umfang ihrer Geschäftstätigkeit noch heute an Herkunftskürzeln auf Ziegelfunden erahnen lässt. Auch wichtig: Viele Staatsausgaben hatten die Kaiser aus ihrem Privatvermögen zu begleichen; als eine Finanzkrise drohte, ließ Marc Aurel massenhaft Luxusgegenstände aus seinem Haushalt versteigern.

Noch wichtiger: die Mentalität und die moralischen Erwartungen der Epoche zu kennen. Manches, was uns heute verstört, war damals ganz unauffällig – und anderes für die Zeit skandalös, zum Beispiel Marc Aurels Abneigung gegen Gladiatorenkämpfe und seine Unlust, sie bei Festanlässen zu finanzieren. Wirksam wie heute waren dagegen die Fake-News, die in Rom in Form von handgeschriebenen Klatschblättchen verbreitet wurden. So lernt man, indem man dem recherchierenden Historiker-Detektiv über die Schulter blicken darf, eine ganze Epoche kennen, in ihrer Fremdartigkeit ebenso wie in ihrer schockierenden Nähe. Wer hätte gewusst, dass es seit Cäsar schon eine Art Kindergeld für Bedürftige gab? Alexander Demandt formuliert an einer Stelle das verblüffende Fazit: "Das Reich war ein universaler Wohlfahrtsstaat, gelenkt von einem im allgemeinen aufgeklärten Absolutismus."

Welches Fazit sollte man für sein Buch formulieren? Besser, interessanter und faszinierender lässt sich eine solche Biografie nicht schreiben. Der Gewinn, den man aus ihr zieht, einschließlich der schlüssigen Bebilderung und der umfassenden Quellenverweise in mehreren Tausend Anmerkungen, ist staunenswert. Seriosität kann glücklich machen. Schön, dass es Verlage wie C. H. Beck gibt, die an solchem Glück ein breiteres Publikum partizipieren lassen.

Alexander Demandt: Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt. C. H. Beck, München 2018; 592 S., 32,– €, als E-Book 26,99 €