Der Streit an der Universität Siegen über die Meinungsfreiheit berührt für die Bochumer Philosophin Maria-Sibylla Lotter eine Grundsatzfrage aller Hochschulen: Wie kontrovers sollen Debatten sein?

Bei den Vorgängen an der Uni Siegen könnte es sich um eine Tragikomödie von Yasmina Reza handeln, nach dem bewährten literarischen Muster der Spiegelung von Theorie und Praxis: Das Grundthema – die Meinungsfreiheit – wird zunächst in einer komprimierten Miniaturform – einem Philosophieseminar – vorgestellt, sodann jedoch einem Praxistest ausgesetzt, der sich als unkontrollierbar erweist, was auf so bittere wie komische Weise die brennende Aktualität des Themas verdeutlicht.

Der Plot beginnt damit, dass der Philosophieprofessor Dieter Schönecker mit einem Seminar ausgehend von John Stuart Mill die Grenzen der Meinungsfreiheit untersuchen will. Bei der Meinungsfreiheit geht es eigentlich um die Meinungsäußerungsfreiheit, genauer: um die Freiheit, Meinungen auch dann äußern zu dürfen, wenn sie den Mitmenschen oder der Regierung missfallen. Während störende Meinungsäußerungen in autokratischen Gesellschaften oft gewaltsam von der Regierung unterbunden werden, gehen die Einschränkungen der Meinungsfreiheit in demokratischen Gesellschaften eher vom konformistischen Druck durch die Meinung der Mehrheit aus. Wer mit der Äußerung abweichender Gedanken auf Empörung stößt, wird sie lieber für sich behalten.

Nun mag man sich fragen, wozu es gut sein sollte, dass jemand Meinungen äußern kann, die andere gar nicht hören wollen. Menschen fühlen sich von anderen Wertvorstellungen und politischen Haltungen oft angewidert. Mill plädiert in seiner berühmten Schrift Über die Freiheit gleichwohl, das Unbehagen und die Verletzbarkeit durch empörende Meinungen auszuhalten, zum einen, weil sie den eigenen Horizont erweitern, zum anderen, weil sie einen nötigen, die eigene Meinung zu begründen – und einen merken lassen, wo solche Gründe fehlen. Meinungsfreiheit ist der Preis, den Menschen für die Fähigkeit zum kritischen Denken zahlen müssen.

Einem Umfeld, in dem man mit scheußlichen politischen Meinungen konfrontiert sein könnte, mangelt es zugegebenermaßen an der Gemütlichkeit von Orten wie dem Heimatort Mark Twains in den Südstaaten, dem er in Huckleberry Finn ein ironisches literarisches Denkmal gesetzt hat: eine Heimat von freundlichen, warmherzigen und pflichtbewussten Menschen, die sich nur mit Schaudern vorstellten konnten, dass es irgendwo im Norden Menschen geben soll, die so unnatürliche und zutiefst verdorbene Vorstellungen entwickelt haben, wie die, dass man die Sklaverei abschaffen müsse. Wer nie auf abweichende Meinungen trifft, kann bei aller Intelligenz nicht ernsthaft den Gedanken in Erwägung ziehen, ob etwas ganz Vertrautes Unrecht sein könnte.

Die Meinungsfreiheit darf aber nach Mill auch begrenzt werden, wenn von ihr Schaden auszugehen droht, etwa bei Aufrufen zur Gewalt. Wie genau diese Grenzen zu ziehen sind und wie man Vorteil und Schaden der Meinungsfreiheit gegeneinander abzuwägen hat, genau das soll im Seminar von Schönecker an Beispielen untersucht werden. Nicht nur anhand von Texten, sondern durch eine Vortragsreihe, in der die Studierenden Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit Andersdenkenden bekommen. "Sollte es Grenzen geben, und wenn, wo liegen diese? Darf man Personen wie Thilo Sarrazin und Marc Jongen einladen?" lautet die ernst gemeinte Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit in der Ankündigung.

Während der Medienwissenschaftler Norbert Bolz und der Historiker Egon Flaig ebenso wie Sarrazin und Jongen zusagen, hagelt es Absagen auf Schöneckers Anfragen von sozialdemokratischen und liberalen Politikern und von Philosophen aus dem Umkreis der Frankfurter Schule, teilweise in empörtem Ton. Es ist, als wollten sie nicht mit einer Kaste der Unberührbaren in Verbindung gebracht werden. Warum?

Allgemein ist die Vorstellung verbreitet, man dürfe "Rechte" nicht dadurch aufwerten, dass man sie an eine Universität einlädt. Oder ihnen gar die Möglichkeit zu politischer Agitation bieten. Aber ist es nicht sinnvoll, Studierende gerade mit Vertretern unerwünschter Meinungen über den verantwortlichen politischen Umgang mit Meinungen und die Grenzen der Meinungsfreiheit diskutieren zu lassen? Namen wie Sarrazin und Jongen reichen jedoch aus, auch die Mitglieder des eigenen Fachbereichs so zu verunsichern, dass sie mit Ausnahme des Prorektors Michael Bongardt lieber erst gar nicht auf die Einladung antworten und sich tot stellen. So übernimmt Schönecker selbst einen der Vorträge.