Es gab eine Zeit, und diese Zeit liegt nur ungefähr eine Generation zurück, da galten die Menschenrechte als Ausweg aus den Krisen einer geteilten, aufbrechenden Welt. Seit den späten Siebziger-, besonders aber in den Achtzigerjahren beriefen sich nahezu alle politischen Akteure auf die Menschenrechte und verknüpften sie moralisch mit ihren eigenen, oft gegensätzlichen Zielen. Unabhängige Gewerkschafter in Polen protestierten im Namen der Menschenrechte für ein Streikrecht im maroden Staatssozialismus. Neoliberale Ökonomen und neokonservative Berater der US-Regierung positionierten die Freiheitsrechte des Einzelnen (darunter das Recht auf Freizügigkeit, das heißt Migration) und der Märkte gegen soziale und ökonomische Rechte, um die Krise des fordistischen Kapitalismus der Nachkriegszeit zu überwinden. Die Vereinten Nationen weiteten auf Initiative der postkolonialen Staaten dagegen den Katalog kollektiver Menschenrechte immer weiter aus. Sie deklarierten 1986 ein "Recht auf Entwicklung", formuliert von dem senegalesischen Verfassungsrichter Kéba Mbaye, als die forcierte Modernisierung der sogenannten Dritten Welt bereits ruinöse Folgen zeitigte.

Die Menschenrechte gehören zu dieser globalen Umbruchzeit wie die Live-Aid-Konzerte oder Tschernobyl. Gerade weil der Begriff so elastisch und ungreifbar schien, konnten die Menschenrechte die ideologischen Ruinen des 20. Jahrhunderts sanft umspülen: Staatssozialismus und Apartheidstaat, Antikolonialismus oder Antikommunismus. Im Süden Amerikas begann der Umbruch von autoritärer Diktatur zu liberaler Demokratie zuerst, abgefedert vom Sound der Menschenrechte. Bei den demokratischen Massenprotesten 1989 in Peking, Leipzig oder Prag mischten sich darin auch die Internationale oder We Shall Overcome, die Songs vergangener Zukünfte.

Sie wurden zu einem weltweiten Leitbegriff und blieben doch kaum einklagbar: In Argentinien demonstrierten die Mütter der unter der Militärdiktatur Verschwundenen für das Recht, zu wissen, was genau mit ihren ermordeten Töchtern und Söhnen (zumeist linke Oppositionelle) geschah. In ganz Lateinamerika setzte sich ein sozial engagierter Katholizismus für die Rechte der Armen ein und berief sich ebenso auf die Menschenrechte wie Papst Johannes Paul II., der die "Theologie der Befreiung" ablehnte. An der Ostberliner Akademie der Wissenschaften suchten Philosophen nachzuweisen, dass die Menschenrechte sich mit dem Marxismus vereinbaren lassen.

Die westdeutsche "Gesellschaft für Menschenrechte" unterstützte das Apartheid-Regime in Südafrika und verteufelte die militante Gewalt des ANC und ihres im Gefängnis sitzenden Vorsitzenden Nelson Mandela, der noch 1988 von Ronald Reagan als "Terrorist" auf die Beobachtungsliste der US-Einwanderungsbehörden gesetzt wurde. Amnesty International schwang sich zum unparteiischen Anwalt aller politischen Gefangenen außerhalb des Westens auf, solange sie die Verhältnisse nicht mit Gewalt ändern wollten. Helsinki Watch (ab 1988 Human Rights Watch) unterstützte von New York aus die Dissidenten im Osten Europas. Médecins Sans Frontières setzte sich für direkte humanitäre Hilfe besonders in Afrika ein.

Den größten Zulauf hatte die europäische Friedensbewegung, die 1981 allein im Bonner Hofgarten 300.000 Menschen zusammenbrachte: Ein Menschenrecht auf Frieden solle verhindern, dass der globale Konflikt in eine nukleare Apokalypse umschlage. Die Sowjetunion intervenierte im Bürgerkrieg in Afghanistan, die USA taten Gleiches offen und verdeckt in Zentralamerika, der Karibik und anderswo. Wo immer die eine Supermacht Waffen hinschickte, war die andere schon vor Ort. Im Nahen Osten rüsteten beide die Konfliktparteien hoch. Die Bürgerkriege und Fluchtbewegungen unserer Zeit begannen im Kalten Krieg.

Am Ausgang des 20. Jahrhunderts wirkten die Menschenrechte neu und unverbraucht. Gerade ihre Bedeutungsoffenheit machte sie moralisch unangreifbar. Die Menschenrechte waren vielleicht nicht der Auslöser des Zusammenbruchs der alten und des Entstehens einer neuen Weltordnung. Aber nach dem plötzlichen Ende des Kalten Krieges erschien die Idee, dass alle Menschen gleiche Rechte besitzen, die ihnen nicht genommen werden können, als selbstverständliche Antwort auf das Scheitern der Ideologien des 20. Jahrhunderts.

Das änderte sich erst im Laufe der Neunzigerjahre. Es ist vor allem der Westen, der die Menschenrechte, nun verstanden primär als liberale, individuelle Rechte, für sich beansprucht und in der Welt durchsetzen will. Anfang des Jahrzehnts erklärt die Europäische Union die Menschenrechte zur Grundlage ihrer Außen- und Sicherheitspolitik und zum Kriterium für den Beitritt sowie die Vergabe von Entwicklungshilfen.

Jetzt entdecken sie auch die neuen Experten des "globalen Regierens" – westliche Außenpolitiker, Völkerrechtler, Sozialwissenschaftler, NGOs, die "transnationale Zivilgesellschaft" – ganz für sich. Zumindest für diese neue Schicht wurden die Menschenrechte seit den Neunzigerjahren so etwas wie die Lingua franca des moralischen Denkens. Zwei Jahrhunderte zuvor bei Kant noch abstrakte Idee, schien es nun Wirklichkeit zu sein: dass die Rechtsverletzung an einem Ort der Welt an allen Orten gefühlt wird und daraus ein Weltbürgerrecht entsteht, ja entstehen muss, mit den Menschenrechten als regulativer Idee.