Haben sich die Menschenrechte als Antriebskraft von Protestbewegungen wirklich verschlissen, wie Stefan-Ludwig Hoffmann schreibt? Sind sie gar selbst Geschichte geworden? Ich meine, nein. Die Zeit, in der die Menschenrechte als Quelle des Protests von Stimmen wirken, die bisher kaum zu hören sind, hat vielleicht erst begonnen. Erst wenn man die Menschenrechte auch als Antrieb und Ziel einer kulturellen Suche versteht, öffnet sich der Blick auf diese facettenreichen Proteste. Erst dann zeigt sich, wie Menschengruppen eigene Prioritäten setzen, welche Rechte sie sich im Namen der Menschenrechte erkämpfen wollen und wie. In diesem Kampf kommt auch zum Ausdruck, dass die vor siebzig Jahren erklärten Menschenrechte in den Kulturen der Welt ihre je eigenen Ursprünge haben. Sich etwa mit Berufung auf die kämpferische Göttin Durga der eigenen Stärke im Kampf gegen Gewalt zu vergewissern ist in der politisch fragmentierten indischen Frauenbewegung nur ein Weg unter vielen, Einfluss auf das öffentliche Leben zu nehmen.

Mit dem Recht auf Landbesitz und dem Zugang zu Wasser, die sich Frauen in rückständigen Regionen beispielsweise erkämpfen, erschaffen sie für sich eine normative Welt, die ihnen Würde, Selbstachtung und Macht verleiht und ein Verständnis von Gleichheit – abseits der westlichen Vorstellungen von der Gleichheit der Geschlechter. Ausgerechnet in einem ultrakonservativen Bundesstaat wie Uttar Pradesh, der aufgrund seiner patriarchalen Strukturen selten mit positiven Meldungen zu Frauenfragen in die Medien gelangt, begann Anfang des 21. Jahrhunderts eine Bewegung, gleiche Landrechte für Frauen einzufordern. Heute sitzen Bäuerinnen wie die 39-jährige Saini stolz auf einem Traktor und bewirtschaften ihren eigenen Acker.

In Indien, wo solcher Widerstand, der in den Medien und der Öffentlichkeit kein Sprachrohr hat, wie ein dichter Teppich das gesamte Land überzieht, sind die Menschenrechte als moralischer Kompass und Antwort auf Krisen keineswegs Vergangenheit. Die landesweiten Massendemonstrationen, denen sich vor sechs Jahren Hunderttausende Menschen aller sozialen Schichten über Wochen angeschlossen haben, um der Gewalt gegen Frauen etwas entgegenzusetzen, sind dafür ebenso ein Indikator wie die einfallsreichen Methoden ungebildeter Frauen, sich für ihre Rechte einzusetzen.

Die Deklaration der Menschenrechte in Paris im Jahr 1948 ist lediglich die jüngste Manifestation der in allen großen Zivilisationen aufgeworfenen Frage, welche ethischen Werte das soziale Leben einer Gesellschaft bestimmen sollen. Die Upanishaden, eine Schriftensammlung, die sich auf den Hinduismus beruft, haben vor mehr als 2.000 Jahren darauf verwiesen, alle Wesen im eigenen Selbst zu erkennen und das eigene Selbst in allen Wesen. Sie haben also die Notwendigkeit der Empathie hervorgehoben, auf der auch die Menschenrechte fußen. Sie könnten für deren Ausweitung auf die Achtung aller Lebewesen in naher Zukunft ebenso ein Kompass werden wie Schriften anderer Kulturen.