Rimini im Winter. Nach drei Stunden Schlaf ist der Schauspieler Michael Thomas schwer verkatert im Hotel aufwachen. Draußen regnet es, von Sonnenschirmfeldern keine Spur. Runter in den Frühstücksraum. Zwei Grappa, um erst mal wieder nüchtern zu werden. "Heute können wir nicht drehen", sagt Regisseur Ulrich Seidl zur versammelten Filmcrew. Noch zwei Grappa. Ein weiterer Wartetag in der Tristesse des verlassenen Touristenortes. Das Wetter ist zwar beschissen, aber für den Berserker Seidl nicht beschissen genug. Er wartet auf einen Schneesturm. Und der zieht nur alle heiligen Zeiten auf.

Es ist das Set für Seidls neuesten Film Böse Spiele. Darin geht es um zwei Brüder. Der eine wird von Georg Friedrich dargestellt und versucht sein Leben in Rumänien halbwegs in der Geraden zu halten. Der andere Bruder ist Michael Thomas. Er spielt einen Schlagersänger namens Richie Bravo, der sich in Rimini durchschlägt. Bis die beiden in Wien aufeinandertreffen, dauert es noch.

"Uli und ich haben viel diskutiert und gestritten, wie meine Rolle angelegt wird", erzählt Michael Thomas. Er ist ein eitler Mensch, geht gern ins Solarium und in die Kraftkammer. Sein Richie Bravo wäre ein Schönling gewesen. Doch für Seidl musste er sich gehen lassen, "und zwar kompromisslos, ich bin ja kein Beamtenschauspieler. Bei mir musste alles bröseln." Um die Rolle des heruntergekommenen Schlagerstars, Spielers und Säufers glaubwürdig zu verkörpern, verhängte Seidl ein Trainingsverbot über Thomas: "Stattdessen musste ich saufen, singen, leiden, kämpfen. Es ist immer wieder unglaublich spannend, mit Uli zu arbeiten." Nach einer Pause folgt der Nachsatz: "Und unglaublich schmerzhaft."

Michael Thomas weiß das, seitdem er vor elf Jahren in Import Export, Seidls abgründigem Film über ost- und westeuropäische Abhängigkeiten, eine Hauptrolle übernommen hatte. Der 56-jährige Sohn eines Schauspielerpaares ist von stattlicher Figur, 1,90 Meter groß, und raucht täglich 60 Zigaretten. "Früher war’s das Doppelte", sagt er schulterzuckend. Thomas ist ein fast besitzloser Mensch, er hat nicht viel zu verlieren. Was er allerdings mit Leidenschaft sammelt, sind Lederjacken, Hüte und antike Waffen. "Ich habe um die 130 Hüte und 40 Lederjacken. Aber ich hatte in meinem Leben sicher über 4.000 Lederjacken."

Bevor Seidl den Hünen auf die Kinoleinwand hob, hatte der 20 Jahre lang als Old Shatterhand bei diversen Karl-May-Festspielen gedient. Dazu absolvierte er Ausbildungen zum Stuntman, Schwertkämpfer und Boxer. Thomas zieht an seiner Zigarette und erzählt: "Im Boxen war ich zweimal Vizestaatsmeister im Schwergewicht." Kleine Höhepunkte in der großen Biografie des Michael Thomas, in der auch von "Seemann, Holzfäller, Drogendealer, Hurenbock" gemunkelt wird. "Ich hab mit dem modernen Zeitalter gar nichts zu tun. Ich fühl mich am wohlsten auf einem Pferd mit Pfeil und Bogen. Ich pendle zwischen Mittelalter, Wikinger und dem Wilden Westen."

Ein handelsüblicher Darsteller wäre nach der Seidlschen Feuertaufe wieder liebend gern in die Kluft von Old Shatterhand geschlüpft. Nicht so er. Seit Import Export hat er die Theaterbühne verlassen und konzentriert sich auf Film- und Fernsehproduktionen.

Für Seidl sind die Grenzen zwischen Dokumentation und Inszenierung genauso flüssig wie jene zwischen Leben und Kunst. Er will sehen, wie seine Charaktere in brenzligen Situationen reagieren, und inszeniert psychologische Tests mit realem Risiko. Nicht alle davon sind mit Glück gesegnnet. Für Import Export wollte Seidl eine Massenschlägerei drehen: ein Trupp um Michael Thomas gegen eine türkische Gang. Thomas, in diesem Film auch Stuntkoordinator, sagte, das müsse choreografiert werden. Seidl entgegnete, er wolle kein Ballett sehen. "Die Türken haben vor uns genauso viel Schiss gehabt wie wir vor ihnen", erinnert sich Thomas: "Der Uli hat noch gesagt: 'Geht’s richtig aufeinander los!'"

Das Resultat: keine Gewinner, sondern gebrochene Knochen auf beiden Seiten, und "derjenige, der mit mir gekämpft hat, hatte einen Herzinfarkt", erinnert sich Thomas. Im Endeffekt hat es diese Szene gar nicht in den Film geschafft. Sie wurde rausgeschnitten.

Das alles ist lange her. Doch Michael Thomas’ scheinbar masochistische Ader hat ihn dazu gebracht, die letzten zwei Jahre in Seidls aktueller Folterkammer Böse Spiele zu verbringen und sich dem altbewährten Rezept von Zuckerbrot und Peitsche auszuliefern. "Ich muss zugeben, grade wo ich in meiner Rolle als Richie Bravo sehr versoffen sein musste, habe ich nach 14 Stunden Dreh schon einen ordentlichen Pegel gehabt. Da brauchst du in der Früh gleich deinen Schnaps, um weiterdrehen zu können."