Nur scheinbar tut sich nichts mehr im Weltfußball – zumindest eine neue Entwicklung ist evident: Es wächst eine neue Generation von Verlierern heran. Früher gab es die normalen Geschlagenen, die hielten die Klappe oder gratulierten sogar. Und die schlechten Verlierer, die jegliche Schuld auf die Außenwelt abluden, auf Gebiete jenseits der Grenzen ihrer eigenen Mannschaft. Dann war für die Niederlage der Schiedsrichter verantwortlich, für den Abstieg die Witterung oder für die verhunzte Champions-League-Saison der verrückt gewordene Transfermarkt. Inzwischen haben wir es zunehmend mit verdeckten schlechten Verlierern zu tun, die vorgeben, gute zu sein, beziehungsweise so auftreten, als hätten sie gar nicht verloren. Manche schaffen es sogar, ihre Niederlage wie einen bis zum Schlusspfiff geheim gehaltenen Plan aussehen zu lassen, die Pleite wie einen Gewinn.

Da fiel zunächst die Kategorie Bayern München ins Auge, deren Vertreter Karl-Heinz Rummenigge just in dem Moment, da der unverwundbar wirkende Rivale aus Dortmund davongeeilt zu sein schien, gelassen verkündete: "Wir können nicht jedes Jahr Deutscher Meister werden. Im Gegenteil." Irritiert fragt sich das Publikum, was genau das Gegenteil von "jedes Jahr können" ist: Jedes Jahr müssen? Jedes zweite Jahr können? Bayerns Vorstandschef klärt auf: Jedes Jahr Sieger zu sein wäre "kontraproduktiv". Demnach wollen die Bayern in Wahrheit liebend gern alle paar Jahre mal nicht Meister werden, um motiviert und wachsam zu bleiben, vielleicht auch um die demoralisierte Konkurrenz wieder aufzumöbeln, damit die einen angemessenen Sparringspartner für die großen internationalen Herausforderungen abgibt. Schön. Zur bevorstehenden Dortmunder Herbstmeisterschaft kann man den Münchnern also schon mal herzlich gratulieren.

Zur Gattung zwei gehören das Starensemble von Manchester City und dessen Trainer Pep Guardiola. Der hatte beim FC Chelsea die erste Saisonniederlage in der Premier League bezogen, stellte es aber so dar, als gäbe es Grund zum Jubeln. "Fantastisch gespielt", "nichts zu bereuen", nie habe es den Plan gegeben, unbesiegbar zu sein. Und überhaupt, triumphierte der katalanische Coach: Habe man nicht die sonst regelmäßig hohen Ballbesitzanteile der Mannschaft von Chelsea unter dem famosen italienischen Trainer Maurizio Sarri in dieser Partie auf ein Minimum reduziert? Kein Wort davon, dass das von Sarri genauso gewollt gewesen war, um den Gegner in eine Falle zu locken und mit Konterangriffen zu überrumpeln. Mit einem Wort: dass Guardiola ihm auf den Leim gegangen war. Die Kunst des Verlierens besteht auch in der Fähigkeit zur Ablenkung.

Zur Spezies der vermeintlich mutwillig Unterlegenen gehört dagegen RB Leipzig. Als der kleine Bruderclub Red Bull Salzburg in der Europa League zum zweiten Mal mit wachsender Gehässigkeit einen Sieg gegen die Sachsen feiern durfte, weigerte sich der findige Trainer-Manager Ralf Rangnick trotzig, irgendeine Form von Scheitern zuzugeben. Kein Fiasko, nicht mal eine kalte Dusche. Jeder, so argumentierte Rangnick, habe doch wohl gesehen, dass er in diesem Wettbewerb stets die Besten aus seiner Mannschaft herausrotiere; Priorität habe die Bundesliga. Zum Vorbild stilisierte er die TSG Hoffenheim, die in der vergangenen Spielzeit bestimmt keinen Startplatz für die Champions League erreicht hätte, wäre sie nicht frühzeitig zu Erholungszwecken aus der Europa League ausgeschieden. Also nichts wie raus da. Gut gemacht. Rangnicks sauertöpfische Miene wusste allerdings das behauptete Triumphgefühl über das 0 : 1 gut zu verbergen. Verlieren ist auch Schauspielkunst. Mal gut, mal schlecht.