Du musst die Arme an den Körper legen. Halt deine Nieren warm. Musst auf dem Rücken liegen. Leg die Hände auf deinen Bauch, leg sie übereinander. Nimm deine Finger in den Mund, wenn sie zu kalt werden. Dein Mund ist warm, der Bauch auch. Nicht mit den Zähnen klappern. Das Zittern kriegst du nicht kontrolliert, es befällt den Körper. Beiß dir auf die Lippen. Beweg die Zehen. Zieh die Decke ans Kinn. Vielleicht hast du einen Schlafsack. Eine Isomatte. Einen Karton. Oder du hast nichts, weil dir alles geklaut wurde. Dann hast du eigentlich keine Chance. Beweg dich ein wenig, beweg dich nicht zu viel. Du wirst ganz steif. Denk an was Gutes, kannst du dich erinnern? Drei Stunden, bis der Bus kommt. Acht Stunden bis zum Morgen.

Der Bus wird beladen, ein paar Kilometer entfernt, Berliner Tor, graue Büroetage. Da sind Martina und Andreas Woltaire, Eheleute in Windjacken, seit 2004 im Mitternachtsbus aktiv. Kay Rewoldt, heute im Team, weil er morgen nicht kann. Und Barbara Crabiell, Rentnerin. Vier von 140 Ehrenamtlichen, die eine Nacht im Monat draußen sind für die, die jede Nacht draußen sind. Herr Woltaire prüft noch mal: 30 Liter Heißwasser, Milch, Decken und Klamotten. Okay, ruft er, fertig. Langsam rollt der Sprinter in eine Hamburger Nacht, die wieder so kalt ist, dass der Atem in der Luft steht.

Seit 1996 kurvt der Mitternachtsbus der Diakonie durch die City, 365 Tage im Jahr. Er ist, besieht man die Zahlen, natürlich eine Erfolgsgeschichte. 130 Obdachlose werden jede Nacht erreicht, im Sommer noch mehr. 51.200 ausgegebene Becher pro Jahr, 10.240 Liter Kaffee, Tee, Kakao, 3.050 Kisten mit Broten, Brötchen, Kuchen. Trotzdem wird die Versorgung Obdachloser diskutiert. Drei sind dieses Jahr schon verstorben, mutmaßlich erfroren. Erst Joanna, auf einer Bank in Niendorf. Dann Macji, im Schuppen in Harburg. Zuletzt Birgit, Biggi gerufen, am Michel. Der Mitternachtsbus ist, anders als in Berlin, kein Kältebus. Obdachlose werden auf Platte versorgt, aber nicht in Notunterkünfte oder Wärmestuben gefahren. Nun mehren sich Stimmen, die ebendas für Hamburg fordern. Diakonie und Caritas wollen das Winternotprogramm ganztägig öffnen lassen, die Linksfraktion unterstützt das. Viele Obdachlose, argumentieren sie, meiden trotz Kälte die Unterkünfte, weil sie jeden Morgen rausmüssen, keine Ruhe finden.

Obdachlosigkeit - Ein Iglu gegen die Kälte In Frankreich finden Obdachlose in Iglus Schutz. Durch die Isolierung ist es darin bis zu 15 Grad wärmer als draußen. Ein Video © Foto: Nicolas Tucat/Getty Images

Es ist akute Stadtpolitik, die im Bus mitfährt, die ziemlich große, sehr berechtigte Frage: Wie kann es sein, dass im reichen Hamburg Menschen erfrieren? Schwierig für die Helfer, eine korrekte Antwort zu finden. Diese Tour hier ist doch ihre Antwort. Also mal fragen, was das mit ihnen macht. Wenn es vorbei ist, sagt Barbara Crabiell, bin ich platt, müde, leer, aber schlafen kann ich nicht, weil der Kopf voll ist, mit allem, was wir sehen. Herr Woltaire räuspert sich, er könne, sagt er, die Leute nicht von der Straße holen, liege nicht in seiner Macht. Aber ich kann ihnen zuhören, sie ernst nehmen, Wertschätzung für Menschen, die gar nicht mehr wissen, was das ist. Kay Rewoldt, nach einer Pause: Manchmal habe ich das Gefühl, das wird mir zu viel, ich packe das nicht, aber das geht weg, nach zwei Tagen spätestens.

Andreas Woltaire bremst den Bus vor einer Bäckerei neben Galeria Kaufhof. Rewoldt und Crabiell springen, Motor noch nicht aus, aus der Tür. Es muss jetzt schnell gehen. Der Bäcker hat dem Bus die unverkaufte Ware zwar zugesagt, aber Punkt 20 Uhr kommt der bäckereieigene Abholer, der mitnehmen muss, was dann noch im Laden liegt. Viele Bäcker befeuern mit der Ware von heute ihre Öfen für morgen. Neun Kisten tragen die Helfer in den Bus, da parkt der Abholer hinter ihnen. Wartet, ruft Crabiell, rennt noch mal hinein, kommt mit Baguette und einem Laib Brot zurück. Und dann, endlich, erste Platte.

Direkt am Saturn, aus dem sich die Weihnachtsgeschenkeshopper mit Tüten schieben, hält der Bus. Seine Besucher stehen schon Schlange. Ganz akkurat, seit Frau Woltaire mal geschimpft hat, weil gedrängelt wurde. Sie presst Kaffee in die Becher, reicht Kuchen: Was darf’s denn sein? Ihr Mann läuft durch die Reihen, steckt den Leuten Zettel zu, die über das Notprogramm informieren. Manche rollen die Augen. Andreas Woltaire macht einfach weiter. Ein paar Mal in dieser Nacht werden sie Platten anfahren, wo man ihre Hilfe nicht will. Trotzdem, guter Start, wie viele gekommen sind!

10.240 Liter Kaffee schenken die Helfer vom Mitternachtsbus im Jahr aus. © Lucas Wahl für DIE ZEIT

Die Zahl der Wohnungslosen in Hamburg hat sich seit 2009 fast verdoppelt. Damals wurden 1.029 Menschen ohne Obdach gezählt, bei einer neuen Befragung waren es 1910. Und das meint nur die Angetroffenen.

Ganz wichtig: die verbale Wärme

Herr Woltaire lächelt still. Er ist froh, dass Kirsten da war. Zahnlos fast, ein bisschen verwirrt, aber wenn die Kirsten den Woltaire sieht, grinst sie. Zehnmal hat sie ihm gesagt, wie sehr sie sich freue. Zehnmal hat Herr Woltaire gesagt, er freue sich ebenfalls. Auch darum geht es beim Bus. Wärme, verbaler Art. Zureden, zuhören. Weil Geschichten haben alle auf Platte. Und im Bus haben alle so ein Gesicht, auf das sie sich freuen. Wenn das Gesicht nicht wartet, tritt die Sorge an seine Stelle. Dann hören sie sich bei den Teams der anderen Nächte um: Habt ihr den gesehen? Geht es der gut? Manchmal bleiben Antworten auf die Fragen aus. Bleibt das Gesicht verschwunden. Platte gewechselt oder die Stadt. Oder, letzte Hoffnung, die kleinste: Hat ins Leben zurückgefunden, eine Bleibe, einen Minijob. Schaffen ein paar Obdachlose im Jahr, mithilfe von Sozialarbeitern und Tagesstätten.

Platte vor der Jacobikirche. Platte am HSV-Fanshop. Platte Hopfenmarkt. 25 Stationen werden es am Ende sein. Bis der Michel in die Scheibe ragt. Unten, das große Betonkreuz. Rechts vom Jesus die Deutschen, links die Osteuropäer. Beäugen sich, rufen, gestikulieren. Verteilungskämpfe auf Beton. Kalter Krieg. Dazwischen, Mediator der Not, Woltaire, der allen helfen möchte. Das war Biggis Platte. Biggi kannten sie im Bus. Nun, sagt Herr Woltaire, kennen wohl nicht, aber stets gesehen hat man sie. Nett war die Biggi, flüstert Rewoldt, hat sich immer bedankt, dir schon das Gefühl gegeben, dass du Gutes tust. Für Biggi war es hart, sagt Barbara leise, für Frauen ist es immer härter als für Männer. Ich hatte, sagt Frau Woltaire, das Gefühl, der Michel passt auf die auf, die dort schlafen. Aber auf Biggi hat er nicht aufgepasst.

Biggi wurde immer dünner, erzählen die Obdachlosen. Schwächer. Da lag sie, sagen sie und zeigen auf eine Stelle vor der Mauer, die frei klafft, ganz so, als dürfe nichts die Erinnerung übermanteln. Als käme sie noch wieder, sei nur kurz weg, sich die Füße vertreten. Biggi hat sich nicht gut zugedeckt, ruft der, der erklärt hat, wie man liegen soll.

Der Bus fährt weiter in die Nacht, die sich für das Team ihrem Ende zuneigt und für die Obdachlosen noch lange nicht. Frau Woltaire sagt, sie fände es gut, wenn Bürger mehr gäben, aber nicht nur in der Festlaune. Bald werden sie sich wieder treffen, diese Helfer vom Bus. Das ist, Moment, sagt Herr Woltaire, schaut in seinen Kalender. Ach ja, richtig, am 24. Dezember.