Das ist seine Chance. An einem Mittwoch im November betritt Olaf Scholz den Senatssaal der Humboldt-Universität in Berlin. Er begibt sich damit auf historisches Terrain. Seit fast zwanzig Jahren lädt die Universität Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein, sich in einer Rede Gedanken über die Zukunft Europas zu machen. Joschka Fischer forderte hier eine europäische Verfassung, der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing beschwor den gemeinsamen europäischen Geist, der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker rief zu mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit den Amerikanern auf.

Die Humboldt-Rede ist für Politiker eine einmalige Gelegenheit, die großen Linien aufzuzeigen. Fußballerisch gesprochen, liegt der Ball auf dem Elfmeterpunkt: Scholz muss ihn nur noch reinmachen.

Der aber stellt sich ans Rednerpult und spricht über eine "gemeinsame Bemessungsgrundlage bei der Körperschaftsteuer", über die "Arbeitsbedingungen im Transportgewerbe", einen "gemeinsamen Mechanismus zur Abwicklung von Banken", der eine "Letztabsicherung" bekommen soll. Am Ende seiner Rede hat man als Zuhörer den Eindruck, dass Europa genau so ist, wie man sich das immer vorgestellt hat: irgendwie wichtig, aber vor allem kompliziert und langweilig. "Scholz, der Zauderer", schreibt das Handelsblatt, "Wenig gewagt" der Tagesspiegel.

Der Ball ist ganz offensichtlich nicht drin.

Wenn die Politik ein Rausch ist, dann ist Olaf Scholz der Kater

Olaf Scholz bei den Jungsozialisten, 1984 © Gladstone/Wikimedia/CC BY-SA 4.0

Olaf Scholz durchlebt vielleicht gerade die schwierigsten Wochen seiner Karriere. Die CDU hat eine neue Parteichefin gewählt, und in den Meinungsumfragen geht es für die Christdemokraten wieder aufwärts, die SPD dagegen kommt nicht aus dem Tief. Am 13. Dezember wollen die Staats- und Regierungschefs der EU eigentlich in Brüssel ein Reformpaket verabschieden, das den Euro sicherer machen soll. Doch der französische Präsident Emmanuel Macron ist geschwächt, und die britische Regierung zerlegt sich im Streit um den Brexit.

Als Finanzminister war Scholz für die Vorbereitung des Gipfels verantwortlich. Wenn die Ergebnisse enttäuschen, wird man auch ihm die Schuld geben. Denn Scholz sollte einen Kurswechsel einleiten in der deutschen Finanzpolitik: investieren statt sparen. Solidarität statt Egoismus. So hat man sich das jedenfalls in der SPD vorgestellt, als man sich in den Koalitionsverhandlungen das Finanzministerium sicherte. Und Scholz? Erklärt in einem seiner ersten Interviews, dass ein deutscher Finanzminister in erster Linie ein deutscher Finanzminister sei, also nicht ohne Weiteres Geld in Europa verteilen könne.

Wenn Politik ein Rausch ist, dann ist Olaf Scholz der Kater. So war das immer schon. In seiner Zeit als Generalsekretär der SPD hat er einmal den Beinamen Scholzomat verliehen bekommen, weil er wie ein Automat die immer gleichen Sprechformeln verwendete. Er fand das sogar ganz treffend. Was die Frage aufwirft: Warum macht er das?

Nach seiner Humboldt-Rede sitzt Scholz mit einigen Studenten in kleiner Runde beisammen. Eine Stunde mit dem Minister, das ist die Idee dieses Treffens. Ein angehender Jurist erinnert an Joschka Fischers Idee einer europäischen Verfassung. Warum Scholz nicht eine ähnlich ambitionierte Forderung geäußert habe? Olaf Scholz denkt kurz nach. Fischer habe damals eine "beeindruckende Rede" gehalten, sagt er dann. Aber umgesetzt worden sei davon nichts. Dann lächelt er zufrieden. Punkt für ihn. So sieht er das.