"Natürlich erinnere ich mich an Peter Krämer. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, ob Peter Krämer sich an mich erinnert." Nelson Mandela zu seiner Privatsekretärin Zelda La Grange bei Peter Krämers zweitem Besuch in Südafrika

Dies ist der Versuch einer Physiognomie, der Physiognomie eines anderen Hamburger Bürgers. Eines kräftigen Mannes mit silbernem Haar. Ständig unter Menschen, war er doch ein Einzelgänger. Trotz seines Vermögens bescheiden, wollte er doch gesehen werden. Er konnte ein Egomane sein und dann wie ein liebebedürftiges Kind. Als wäre mit ihm die Verkörperung der Widersprüche in einer Person unterwegs. Er war ein Süchtiger, dessen Stoff das Leben war.

Seine Erkennungsmelodie war die Stimmungs-Rochade. Er war ansteckend gut gelaunt an glückenden, zornig an seinem Willen nicht folgenden, traurig an einsamen Tagen. Und wenn er einmal k. o. war, ließ er sich nicht auszählen, sondern stand vor der 9 zur nächsten Runde wieder auf.

Dem Autor dieser Physiognomie, dem "Besucher", hat er sich zwei Jahre lang mehrmals wöchentlich anvertraut. Wen würde er antreffen, wenn er kam? Den Löwen oder das Lamm? Den hochtourigen Ferrari oder den Zweitaktmotor mit leerem Tank? Der "Besucher" ging mit ihm auch auf Reisen und war bei zwei psychoanalytischen Sitzungen der dritte Mann im Zimmer. Er erlebte einen Suchenden, dessen Souveränität die Ehrlichkeit war:

"Was wissen wir schon über Menschen, die es ins Lexikon schaffen? Ich will keine Beschönigungen, welche die Wahrheit beugen. Belichte die Quellen, aus denen mein humanitäres Engagement kam. Die Verletzungen und Selbstverletzungen. Aber auch meine Kraft eines Bären, die sich vielleicht in dem Satz zusammenfassen ließe: Kein Unglück sollte uns daran hindern, zu handeln! Vor allem kein selbst verschuldetes. Vielleicht ersparst du dem Publikum die größten meiner Peinlichkeiten. Aber zeige beide Seiten meiner Medaille. Erinnere dich des Helden, aber auch eines: Menschen. Und führe die Diskretion nicht an einer allzu kurzen Leine spazieren."

Von Hamburg ging 2004 eine der weltweit größten privaten Bildungsinitiativen aus – und sie ist bis in unsere Gegenwart eine der größten geblieben. Man sollte mit Schönwetterreden sparsam sein. Doch wahr ist, dass viele Tausend Jungen und vor allem Mädchen in 13 Ländern Afrikas nur aus einem einzigen Grund die Ranzen schnüren können: weil der Hamburger Reeder Peter Krämer diese Initiative bis an seine körperliche und seelische Grenze gelebt hat. Er hat sie "Schulen für Afrika" genannt.

Schon zuvor hatte er die "Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts" gegründet, die sich gegen den Irakkrieg der Amerikaner und Briten engagierte und der auch der gewesene Erste Bürgermeister Henning Voscherau angehörte.

Die Schiffe des Reeders Peter Krämer fahren Flüssiggas über die Weltmeere. Aber diese Tanker kreuzen nicht als Fortuna oder Felicitas durch die Kontinente. Zwei seiner Frachter hat der Reeder MS Sophie und Hans Scholl getauft, nach den jungen Widerstandsgeschwistern gegen das Hitler-Regime.

Auf der Suche nach moralisch ebenso leuchtenden Schiffsnamen wurde Nelson Mandela sein Favorit. Doch obwohl Peter Krämer Mandelas Stiftung eine Million Dollar für die Rechte anbot, blieb er ohne Antwort. Bei einem Mittagessen machte da der langjährige ARD-Afrika-Korrespondent Rolf Seelmann-Eggebert aus der Not eine Tugend: Der Reeder möge sein Geld nicht für ein Emblem ausgeben, sondern lieber für die Kinder Afrikas.

Mit den vorsichtigen Ausrufezeichen, die den Sätzen seines Gegenübers nachklangen, schlug an einem Tag 2004 der Blitz in Peter Krämers Kopf ein. Wenn aber der Blitz bei diesem Mann einschlug, dann brannte lichterloh das Haus der Gedanken. Und keine Feuerwehr konnte es löschen.