Das Bild hat Quentin Massys 1514 gemalt. Heute hängt es im Pariser Louvre © Tony Querrec/RMN - Grand Palais/bpk

Stoffe aus Großbritannien, Kupfer- und Messingwaren aus Deutschland, Seide und Gewürze, die aus dem Orient über Italien kommen, südamerikanisches Silber und andere Waren aus der sogenannten Neuen Welt, eingeführt von Spaniern und Portugiesen: Im 16. Jahrhundert entwickelt sich die niederländische Stadt Antwerpen zum Handelszentrum der Welt. Durch ihre gute Lage am Wasser ist sie Knotenpunkt der wichtigsten Handelsrouten, 1531 wird dort die Neue Börse eröffnet. Nicht nur die Wirtschaft gedeiht in dieser Atmosphäre, indem etwa Schuld- und Wechselscheine übertragbar werden. Wie so häufig folgt dem Reichtum eine Blüte der Kunst, in diesem Fall der flämischen Malerei.

Kaum ein Bild zeugt besser davon als jenes, das heute im Pariser Louvre hängt: Das Gemälde Der Geldwechsler und seine Frau (Öl auf Holz, 71 x 68 cm) des aus Löwen stammenden Malers Quentin Massys von 1514. Es ist eines der ersten sogenannten Genre-Bilder der frühen Neuzeit, die Alltagsszenen zeigen. Ob wirklich ein Geldwechsler abgebildet ist oder eher ein Pfandleiher, ist unklar, die Titel solcher Bilder stammen meist nicht vom Maler selbst, sondern wurden später von ihren Besitzern erdacht. Beide Deutungen würden jedoch in die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs von Antwerpen passen, in welcher der Verkehr von Geld, Edelmetall und Wechseln kaum noch Beschränkungen unterlag. Auch Quentin Massys lebte seit 1491 dort.

Umgeben von allerlei Gegenständen, sitzt ein Paar an einem Tisch. Nichts in diesem Bild ist Zufall oder nur Dekoration, alles hat eine übergeordnete Bedeutung. Vieles weist darauf hin, dass die Geschäfte der beiden gut laufen: die Münzen, die losen Perlen, die mit Edelsteinen besetzten Goldringe, der Silberteller im Regal. Andere Dinge sind für uns nicht mehr sofort als Hinweise auf Wohlstand erkennbar – der Pelzbesatz an der Kleidung etwa zeugte früher von Reichtum wie heute ein nobler Markenname, ebenso war die Orange im Regal damals ein Luxus.

Konzentriert wiegt der Mann Münzen. Massys, der nicht nur Maler, sondern auch Kunstschmied war, hat sie detailgetreu wiedergegeben, so lassen sich zum Beispiel ein Ecu aus der Zeit König Ludwigs XII. und eine Augustale aus der Zeit Kaiser Friedrichs II. erkennen – bei Letzterer, die es in verschiedenen Ausführungen gab, entschied das Goldgewicht über den Wert. Die Waage, die der Mann verwendet, steht zudem für Gerechtigkeit. Neben ihm blättert seine Frau in einem Buch, das – anders als man es erwarten würde – kein Geschäftsbuch ist, sondern eine religiöse Schrift: Sichtbar ist ein Bild Marias mit dem Jesuskind. Die Madonna als Vorbild, die Frau vertraut mit geistlichen Schriften, das alles soll heißen: Sie ist die ethische Instanz in dieser Beziehung. Doch sieht die Frau gar nicht auf das Buch. Im Gegenteil – wie ihr Mann blickt sie auf die Waage. Typisch für das Geschlechterverständnis der damaligen Zeit wird er als der Handelnde dargestellt, der die Geschäfte führt, während sie die Moral seines Tuns kontrolliert.

Der kleine konvexe Spiegel schließlich, der vor ihnen auf dem Tisch steht, ist eine handwerkliche Raffinesse der Zeit – hier zeigt Massys, was er künstlerisch draufhat. So wird rechts unten in der Spiegelung eine kleine Figur mit roter Mütze sichtbar. Der Künstler selbst? Möglicherweise ist es Massys’ Signatur in Form eines Miniatur-Selbstporträts. Der Spiegel an sich steht zudem für die Zerbrechlichkeit des Lebens und wiederholt mit einem großen Fensterkreuz, Symbol der Gegenwart Gottes, die Zweiteilung des Gemäldes in Moral und Geschäft. Links unter dem Kreuz ist die Antwerpener Onze-Lieve-Vrouwe-Kathedrale zu sehen, rechts ein Kontorhaus. Die Spiegelung betont damit noch einmal die Ermahnung des ganzen Bildes, Ethik und Kommerz im Gleichgewicht zu halten. Das Leben auf Erden mag Reichtümer schenken. Doch die wahre Erlösung, so die Botschaft des Bildes, wartet nur im Jenseits.