Fahrtwind. Darauf habe ich gewartet. Unzählige Male bin ich gekippt, gestürzt, getaumelt, verzweifelt. Doch nun drehen sich die Pedale, einmal, zweimal, immer wieder. Meine Hände sind entspannt, ich auch. Sogar für die Bäume habe ich Augen, das Laub, die Miniaturstraßenschilder, die Ampelattrappe. Da drüben ist Siggi und übt Achten. Siggi ist 50 Jahre alt und arbeitet als Fahrer in einem Berliner Krankenhaus. Eigentlich ist dieser Verkehrsübungsplatz höchstens für Zwölfjährige gedacht. Doch am Wochenende macht man für uns und die Erwachsenenradfahrschule eine Ausnahme.

In den vergangenen Wochen habe ich Siggi um seine Achten beneiden gelernt. Achten sind weit weg für mich – gerade so komme ich um die lange Rechtskurve. Siggi sieht es und reckt den Daumen. Ich trete schneller. Was soll mich jetzt noch aufhalten? Der Kreisverkehr sicher nicht. Ich rasiere nicht mal die Rabatte. In der Haarnadelkurve entgehe ich knapp der Hecke und biege auf die Gerade ein.

So fährt man Rad, denke ich: Man steigt auf, und los geht’s. Soll Siggi weiter Achten drehen. Ich brauche das nicht. Einen Tag bevor hoher Besuch auf den Verkehrsübungsplatz kommt, habe ich alles gelernt, was es für den Stadtverkehr braucht. Ich könnte die Welt umarmen in diesem Moment.

Dann brettere ich gegen den Laubcontainer.

Nicht zum ersten Mal. Der Container ist mein Feind. Er will, dass ich kopfüber in ihm versinke. Sven, mein Fahrlehrer, kommt angerollt. "Alles okay?" Ich fühle mich elend. "Das wird schon", sagt er. Ich glaube ihm kein Wort.

Das Schlimmste am Radfahren ist nicht das Fallen. Es ist der Sekundenbruchteil davor. Wenn man durch die Luft segelt und nichts den Sturz aufhalten kann. Da fragt man sich: Warum mache ich das hier? Um die Minigolfer zu beglücken, die vom Platz nebenan herübergaffen? S-Bahnfahren ist doch auch schön. Und im Auto kann man Musik hören ohne Kopfhörer. Ein Leben lang kam ich so von einem Ort zum anderen. Nie hatte ich das Gefühl, mobil eingeschränkt zu sein. Dieses Gefühl geben einem nur die anderen, immer wenn sie erfahren, dass ich anders bin als sie. In deren Augen gehört Fahrradfahren zur modernen Großstadtexistenz selbstverständlich dazu. Wer diese Kernkompetenz nicht mitbekam als Kind, in dessen Leben lief wohl etwas schief. Der arbeitet nicht an sich, weil er es nicht besser weiß und auch nicht besser wissen will.

Ein bisschen stimmt das ja. Früher war es mir noch peinlich, nicht Fahrrad fahren zu können. Dann wurde ich stolz aus Trotz, redete mir ein: Autofahren ist das höchste der Gefühle und Fahrradfahren öde. Das funktionierte eine Weile. Bis ich Vater wurde. Schutzlos lag mein Sohn nach der Geburt in meinen Armen. Da war jetzt ein anderer Mensch, den ich vorbereiten durfte auf das Leben.

Es gibt wenige Fähigkeiten, die Eltern ihren Kindern mühsam und ganz bewusst selbst beibringen. Zählen. Schwimmen vielleicht. Und eben Radfahren. Ein besonderer Vater-Sohn-Moment: wenn man den Beckenrand loslässt und unter sich Tiefe fühlt und Gefahr. Und dann ist da Vaters Hand und hält dich. Oder dieser hier, hunderte Male im Park beobachtet: Ein Mann rennt neben einem winzigen Rad her, die Hand am Gepäckträger. Ein Mann gibt einen letzten Schubs, und das Kind fährt davon, ganz allein. Freiheit!

Auch mein Vater und ich hatten so unsere Momente. Ich erinnere mich ans Schwimmbad. Daran, wie Vater mich abholte nach dem ersten Schultag. Wie er mir abends zum ersten Mal vorlas aus der Schatzinsel. Warum unser Fahrradmoment fehlt, weiß ich nicht. Vielleicht haben wir uns zu viel Zeit gelassen. Und dann war es zu spät. Mein Vater war lange schwer krank. Er konnte und wollte nicht mehr Fahrrad fahren. Erst recht konnte er es mir nicht beibringen.

Manchmal denke ich heute an ihn, wenn mein Sohn nachts schreit. In einer dieser Schreinächte habe ich ihm irgendwann zugeflüstert, dass wir später mal eine Radtour machen würden. Keine Ahnung, wie ich darauf kam. Aber kaum war’s ausgesprochen, schlief er ein. Ich blieb eine Weile wach neben ihm sitzen. Was hatte ich da versprochen?

Als erwachsener Fahrradanfänger kann man sich nicht einfach in den Sattel schwingen und losfahren. Da braucht man professionelle Hilfe. Laut Homepage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs gibt es 29 Erwachsenenradfahrschulen in Deutschland. Eine liegt bei mir um die Ecke, auf einem Verkehrsübungsplatz in Berlin-Steglitz. Im Internet buche ich zwölf Lerneinheiten à 1,5 Stunden. Die nächsten Sonn- und Samstage weiß ich, was ich zu tun habe.