Bei seiner Rückkehr nach Deutschland hat Rainer ein neues Tattoo auf dem rechten Oberarm. Es zeigt Holger von hinten, auf seinem Fahrrad sitzend, mit ausgestreckten Armen, on the road. Elfhundert Pesos, 45 Euro. Das Tattoostudio in Tuxtla hat extra für ihn aufgemacht. Du bist doch der Bruder von dem ... Ja, hat Rainer gesagt, ich hab aber keinen Termin. Macht nichts, haben sie gesagt, komm am Sonntag vorbei, dann machen wir das.

"Bis vor vier Wochen wusste ich ja nix über dieses Land, da dachte ich nur: lustige Hüte und gute Musik." Inzwischen weiß Rainer, dass in Mexiko auch gefoltert und gemordet wird. Alle zwei Stunden verschwindet ein Mensch, allein im Mai zählt die Mordstatistik täglich 85 Opfer. Er weiß, dass die Medien nur deshalb über das Verschwinden seines Bruders berichten, weil es sich um einen Europäer handelt. Und dass der Staatsanwalt gelogen hat, als er behauptete, der tote Radfahrer, der in Chiapas am Rande der Landstraße bei Kilometer 158 gefunden wurde, sei bei einem Unfall gestorben. Mexiko lebt vom Tourismus. Tote Touristen schaden Mexiko. Trotzdem, sagt Rainer, sei es eines der liebenswertesten Länder, die es gibt.

Er hat die gleichen blauen Augen wie sein Bruder. Die Haut pellt sich von seiner sonnenverbrannten Nase. Was er auf der Suche nach Holger in Mexiko erlebt hat, soll Rainer selbst erzählen.

Wir kamen Sonntagabend in Mexiko-Stadt an. Im Flieger, kurz vor der Landung, kommt die Stewardess auf uns zu und sagt: Sind Sie der Herr Hagenbusch? Sag ich: Ja. Sagt sie: Sie bleiben bis zum Schluss sitzen, Sie werden am Flughafen von der Polizei und der Botschaft in Empfang genommen. Da dacht ich: Was ist denn hier los?

In Tuxtla Gutiérrez, im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Mordes, seit neben dem Toten von Kilometer 158 Knochenreste einer zweiten Leiche gefunden wurden. Der Schädel weist Einschusslöcher auf. Der Staatsanwalt, der gelogen hatte, wurde versetzt.

Die Story war ja hanebüchen. Wie kam der überhaupt dazu, von einem Unfall zu sprechen? Kommunikationsproblem, hat man mir gesagt, das ist nicht gut gelaufen, wir entschuldigen uns dafür. Aha ... Kommunikationsproblem ...

Rainer verbringt das Wochenende mit seiner Tochter Anna in Mexiko-Stadt und trifft Freundinnen seines Bruders Holger, der immer noch vermisst wird.

Für mich war klar: Brenda und Vero fahren mit nach Tuxtla, um den Holger zu suchen. Wir dachten, wir machen 5000 Flyer und gehen dann in den Busch und finden den Kerl.

Bei der ersten Leiche, mutmaßlich der polnische Radfahrer Krzysztof Chmielewski, wurden ein schwarzes Fahrrad mit braunem Sattel sowie ein Schuh gefunden, der Holger gehört. Zu Hause in Deutschland hoffen seine Freunde seitdem, dass Holger auf einem geliehenen Rad mit nur einem, dem anderen Schuh durch Chiapas fährt.