Ein Leben, das aus heterogeneren Elementen besteht als das Robert Spaemanns, ist nicht leicht vorstellbar. Das beginnt schon vor seiner Geburt 1927. Die Eltern sind Teil der linken Berliner Boheme der Zwanzigerjahre, der Vater Kunsthistoriker, die Mutter Tänzerin bei Mary Wigman, der Begründerin des Ausdruckstanzes. Als die Mutter an Tuberkulose erkrankt, kehren sie dem wilden Leben der Großstadt den Rücken, treten der katholischen Kirche bei und ziehen nach Münster, da ist der Sohn drei. Die Mutter stirbt 1936. 1942 lässt sich Spaemanns Vater durch Bischof Galen, den NS-Gegner, zum Priester weihen – Robert ist nun das exzentrische Beispiel eines offiziellen Priestersohns. Wie Günter Grass gehört er der Flakhelfer-Generation an, aber dem Stellungsbefehl entzieht er sich durch Fahnenflucht und taucht auf einem Bauernhof unter.

Nach dem Krieg liebäugelt Spaemann mit dem Marxismus, aber diese Affäre ist nach einer Ost-Berlin-Reise rasch abgehakt. Er studiert Philosophie bei Joachim Ritter in Münster, aber zu den liberal-toleranten BRD-Apologeten der Ritterschule gehört er nicht. Er ist freigeistiger Philosoph und strenggläubiger Katholik. Während der Studentenrevolte argumentiert er mit Schärfe gegen die Studenten, aber bricht nie das Gespräch mit ihnen ab. Er wird mit seiner Technik-Skepsis ein Sprachrohr der Anti-Kernkraft-Bewegung, aber die Grünen verschreckt er mit seiner Ablehnung der Abtreibung. Spaemann isst in der Hoch-Zeit der RAF mit dem Ehepaar Böll in Köln Kuchen, später wird er zum Einflüsterer Papst Benedikts XVI. Seine Frau Cordelia hat er 1944 kennengelernt, als Tochter einer Jüdin war sie bei den Ursulinerinnen untergetaucht. Spaemann selbst wird später die Juden-Mission auf fast kaltschnäuzige Art rechtfertigen: "Religionen, die es ernst meinen, sind intolerant."

So vielgestaltig sich dieses Leben auch zusammensetzte, ein fröhlicher Pluralist, ein Polytheist wie sein Münsteraner Kommilitone Odo Marquard war er gerade nicht. Der rheinische Katholizismus mit seiner Sünden-Toleranz (im Sinne des Karnevalslieds "Bin ich froh, dass ich nicht evangelisch bin") war seine Sache nicht. Spaemann hatte etwas Rigoroses und Asketisches, das sich auf ziemlich coole Art mit einem gewissen intellektuellen Sportsgeist verband, den er selbst aber nie als spielerisch apostrophiert hätte. Richard Rortys Plädoyer für die Ironie erschien ihm wie ein Trostprogramm für Warmduscher.

Robert Spaemann war ein erbarmungsloser Polemiker, seine schärfste Waffe war die blitzende Klarheit seiner Argumente. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Schaum vor dem Mund seiner Gegner, deren Wut er provoziert hatte, ihn befriedigte. Als glänzender Interpret der Psalmen wusste er jedenfalls, wie man seine Feinde verwünscht.

Im Zentrum seiner Philosophie stand die Rettung des Lebendigen. Seine größte Herausforderung war deshalb die moderne Naturwissenschaft, die nicht nur die Natur, sondern am Ende die Menschen selbst zu Objekten der Beherrschung macht. Gern zitierte er zur Abschreckung Thomas Hobbes mit dem Satz, eine Sache erkennen bedeute, zu wissen, was man mit ihr machen könne, wenn man sie besitze. Gegen diesen Funktionalismus, wie er vor allem in den Biowissenschaften beherrschend geworden ist, hat er mit seiner Verteidigung teleologischen Denkens und des Personen-Status des Menschen argumentiert. In einer Zeit, als auch die Geisteswissenschaften sich am Tod des Subjekts delektierten, hatte das fast etwas Donquichottehaftes. Dass er oft einsam auf weiter Flur stand, hat Spaemanns Kampfesmut eher gestärkt.

Als Papst Benedikt XVI. 2005 vor der "Diktatur des Relativismus" warnte, wurde Spaemann als Stichwortgeber dahinter vermutet. Nietzsches Einsicht, dass mit Gottes Tod auch der Wahrheitsbegriff eliminiert sei, bedeutete ihm viel, nur fand er, andersherum würde ein Schuh draus: Sein Glaube schien ihm eine sinnvolle Denkbedingung, um die Wahrheitsfähigkeit des Menschen zu retten. Dass es ihm dabei um die "absolute Wahrheit" ging, schreckte ihn nicht, schließlich handle es sich bei dieser Formulierung, wie er einmal bemerkte, um eine Tautologie. An diesem Montag ist Robert Spaemann im Alter von 91 Jahren bei Stuttgart gestorben.