Am Anfang hört man ein gurgelndes Geräusch. Dann schwappt der erste Wasserschwall über den Boden. Putzmittelblasen bilden Muster, die an die Apfelmännchen-Fraktale der Chaostheorie erinnern. Die Kamera bewegt sich nicht, nur einmal quert ein Flugzeug als Spiegelbild die Wasserlache. Jetzt verlässt die Kamera die Bodenperspektive, kippt in die Horizontale und gibt den Blick auf eine Hofeinfahrt frei, die von einer jungen Hausangestellten geschrubbt wird.

Die Frau mit den indigenen Gesichtszügen heißt Cleo. Sie ist Hausangestellte einer Mittelschichtsfamilie. Die Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, hängen an ihr. Auch die Mutter, Sofia, behandelt sie gut. Aber kann man Teil der Familie sein und zugleich zum Dienstpersonal gehören?

Einmal schaut die ganze Familie Fernsehen, die Kamera zeigt wie in einem Bilderrahmen nur die Gesichter, deren mimische Reaktionen umso überschwänglicher ausfallen, je dämlicher die Lachnummern aus dem Off tönen. Dann möchte der Vater einen Tee. Wie selbstverständlich löst sich Cleo aus dem Gesamtbild heraus und eilt in die Küche.

Roma heißt der Stadtteil von Mexico City, in dem der Regisseur Alfonso Cuarón aufgewachsen ist. Für seinen jüngsten Film, der in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat, ist er in die Welt seiner Kindheit zurückgekehrt und in die frühen Siebzigerjahre. Cuarón, der in vielen Genres zuhause ist (u. a. Y Tu Mamá También, Harry Potter 3, Children of Men, Gravity), schlägt für diesen autobiografisch inspirierten Film einen unverwechselbar individuellen Ton an. Es geht um Bindung, Trost und Geborgenheit, aber auch um Hierarchien und Abhängigkeiten entlang den Machtlinien von Ethnie, Klasse und Geschlecht. Doch der soziologisch genaue Blick des Films entlarvt die Emotion nicht, sondern zeigt ihre Ambivalenz. Es gibt echte Gefühle in ungerechten Verhältnissen.

Im Zentrum steht das Stadthaus der Familie. Alfonso Cuaróns Kamera ist mit diesem Haus mindestens so vertraut wie Cleo (die von Yalitza Aparicio gespielt wird, einer Laiendarstellerin, deren Seelengröße den Film trägt wie Cleo das Familienleben). Die Kamera kennt jeden Winkel, weiß immer schon vorher, was als Nächstes passiert. Sie ist immer schon dort, wo die Figuren erst hinkommen. Ohne besserwisserisch zu sein, sieht sie mehr als die Figuren, die sie zeigt und denen im Vollzug ihres Alltags nicht bewusst ist, wie sozialer Status, Hautfarbe und Geschlecht das persönliche Schicksal bedingen.

Einmal spielt der jüngste Sohn, Tono, Räuber und Gendarm auf dem Dach des Hauses, wo Cleo gerade die Wäsche aufhängt. Er könne nicht reden, sagt er, er sei tot. Cleo legt sich zu ihm, Kopf an Kopf, und sagt: "Ich bin auch tot." So liegen beide für eine Weile in der Sonne und spielen Totsein. Bis Cleo sagt: "Ich mag es, tot zu sein." Für Cleo heißt Totsein nämlich: nicht arbeiten. Alle nehmen am selben Leben teil, aber es ist doch für jeden anders.

Cuarón gelingen Szenen überwältigender Zärtlichkeit zwischen Cleo und den Kindern. Jedoch hat hier jede Emotion einen Widerhaken. Cleo hat keine eigenen Kinder. Weil das in ihrer sozialen Rolle nicht vorgesehen ist? Aber wäre das nicht die ausbeuterischste Inbesitznahme eines Menschen – dessen Liebesfähigkeit für fremde Kinder anzuzapfen?

Andererseits ist die Liebe Cleos zu den Kindern und umgekehrt echt – sie liebt sie wie ihr eigen Fleisch und Blut. Als der Vater angeblich zu einem Kongress nach Quebec aufbricht, in Wahrheit will er die Familie wegen einer neuen Liebe verlassen, fällt ihm seine Frau Sofia auf der Straße vor dem Haus heftig um den Hals. Dann braust der Vater im VW Käfer fort, und Sofia krallt sich in ihrem Schmerz Tono, den sie dafür allerdings erst den schützenden Armen Cleos entreißen muss. Schließlich wird Cleo schwanger, von einem jungen Mann, der sich aber aus dem Staub macht. Sie beichtet die Schwangerschaft ihrer Herrin. Zitternd fragt sie: "Werden Sie mir jetzt kündigen?" Aber die denkt gar nicht daran. Gewachsene Gefühle können so stark sein wie Blutsverwandtschaft. Einmal kommt Sofia betrunken nach Hause und sagt zu Cleo, von Frau zu Frau: "Egal, was sie dir sagen: Wir sind immer allein." Aber das stimmt nicht.

Roma läuft im Kino und auf Netflix. Die große Leinwand schadet nicht. Es kommt nur selten vor, bei einem Film vor emotionaler Bewegtheit aufschluchzen zu müssen, ohne das Gefühl zu haben, durch kitschige Unwahrheit erpresst worden zu sein. Cuarón kann beides: das Pathos des Lebens feiern und soziale Abhängigkeiten durchleuchten. Man muss diesen Film lieben wie einen sehr klugen und gleichzeitig warmherzigen Menschen.

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