Hartmut Dorgerloh (links) und Lars-Christian Koch, nach dem Gespräch, im Aufzug des Kronprinzenpalais © Wolfgang Stahr für DIE ZEIT

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr haben im Auftrag Emmanuel Macrons ein Gutachten erarbeitet, das Frankreich nahelegt, alle einst aus den Kolonien geraubten Kulturgüter zurückzugeben. Hat diese Position Auswirkungen auf das deutsche Vorzeigeprojekt Humboldt Forum, in dem Kunst mit kolonialer Vergangenheit gezeigt werden soll? Wir sprachen mit dem Intendanten Hartmut Dorgerloh und dem Ethnologen Lars-Christian Koch, der die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum leitet.

DIE ZEIT: Haben Sie damit gerechnet, dass der Restitutionsbericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr die Diskussion ums Humboldt Forum noch einmal so anheizt?

Hartmut Dorgerloh: Dass der Bericht die Erwartungshaltung an das Humboldt Forum beeinflussen würde, war klar. Dass er jetzt aber teilweise mit der Vorstellung verbunden wird, die gesamte Konzeption des Humboldt Forums sei hinfällig, zeigt für mich nur, dass man die Idee des Humboldt Forums noch nicht gut genug kennt. Die ist nämlich auch, mitten in Berlin einen öffentlichen Ort für genau solche Debatten zu schaffen.

Lars-Christian Koch: Der Bericht ist ein starkes Signal in einer Diskussion, die wir schon seit Jahren führen. Sie hat auch die Konzeption unserer Ausstellungen beeinflusst, die wir zusammen mit den Herkunftsgesellschaften gestalten. Außerdem untersuchen wir in dieser Zusammenarbeit unsere Sammlungen, weil wir davon überzeugt sind, dass Restitution nur mit einer guten Provenienzforschung funktionieren kann, auch wenn manche behaupten, das sei bloße Verzögerungstaktik. Das sehe ich nicht so. Wir müssen schon wissen, was wir wem und wohin zurückgeben.

ZEIT: In welcher Hinsicht würden Sie sich vom Savoy-Sarr-Bericht absetzen?

Koch: Savoy und Sarr sprechen von der Subsahara, wir sehen es weiter.

ZEIT: Es geografisch weiter zu sehen ist noch kein Einspruch.

Koch: Doch, durchaus. Denn unsere Kollegen aus Ozeanien beispielsweise haben ganz andere Ideen und Vorstellungen. Tonaufnahmen aus Palau wollten meine Kollegen vom Nationalmuseum Palau bei uns belassen, damit wir deren Kultur hier in Europa erlebbar machen.

ZEIT: Shared Heritage nennt man das, und es klingt oft wie ein Deckmantel, wie etwas, das man tut, um nicht das tun zu müssen, was bei Raubgut eigentlich notwendig wäre: zu restituieren!

Koch: Wir müssen beides tun! Wir sagen nicht und haben auch nie gesagt, dass wir nicht restituieren. Wenn es um Unrechtskontexte geht, wird zurückgegeben – was wir dieses Jahr mit Sammlungsbestandteilen aus Alaska bereits getan haben. Wir werden es auch in anderen Bereichen tun. Aber es kann nicht sein, dass wir komplette Museen auflösen. Das ist auch nicht das, was die Kollegen vor Ort erwarten.

ZEIT: Wie wollen Sie im Falle der berühmten Benin-Bronzen vorgehen?

Koch: Gemäß den Vereinbarungen der Benin Dialogue Group. In dieser tauschen wir uns gemeinsam mit anderen Museen und mit Kollegen aus Benin City aus. Dort ist ein Museum geplant, an dem auch wir uns beteiligen werden.

ZEIT: Beteiligen im Sinne einer Ausleihe?

Koch: Zunächst ja, aber nicht als Taktik, um eine Restitution zu vermeiden.

ZEIT: Die Benin-Bronzen wären ja ein Beispiel dafür, dass die Herkunftsgesellschaft sie zurückwill.

Koch: Offiziell haben wir das noch nicht, aber auch dies ist Teil des Dialogs.

Dorgerloh: Der Benin-Dialog ist in meinen Augen vorbildlich. Er hat jetzt auch zu einem ersten Ergebnis geführt. Übrigens mit Auswirkungen auf die Präsentation im Humboldt Forum. Im Ausstellungskontext der Bronzen werden wir Video-Interviews mit Teilnehmern des Benin-Dialogs zeigen, also mit Vertretern der Königsfamilie, der Politik und unseren Kollegen.