Die Enttäuschung deutet sich schon an, ehe der Prozess beginnt. Die Tante des kleinen Jonathan hat zum ersten Verhandlungstag Blumen mitgebracht, einen Strauß in bunten Farben. Sie möchte ihn im Gerichtssaal ablegen, "damit Jonathan mit bei uns ist", sagt sie. Aber eine Justizmitarbeiterin stoppt sie. Das Gericht sei ein neutraler Ort, niemand dürfe Stimmung für eine Seite machen, auch nicht für das Opfer.

Es geht in diesem Prozess um den Tod eines kleinen Jungen. Die Erwartungen sind groß. An jedem Verhandlungstag quetschen sich die Angehörigen des Jungen eng an eng auf den hölzernen Zuschauerbänken. Sie hoffen auf eine Strafe für die Inhaber des Supermarktes in Harburg, in dem das Kind im Mai 2016 zu Tode kam. Sie hoffen darauf so inständig, als könne die Richterin mit ihrem Urteil etwas wiedergutmachen im Leben der Familie, in dem seit jenem verhängnisvollen Tag nichts mehr ist wie zuvor.

Aber kann ein Prozess das leisten?

Das Opfer in dem Fall, der seit Anfang November vor dem Amtsgericht Harburg verhandelt wird, ist ein Junge, der einfach nur mit seinem Vater einkaufen war.

Jonathan, vier Jahre alt, ein aufgewecktes Kind. "Papa", soll er gefragt haben, als er an der Kasse des Adese-Marktes stand, "Papa, darf ich dir helfen?" Jonathan hatte immer großen Spaß daran, die Lebensmittel aus dem Einkaufswagen auf das Laufband zu legen, erzählt sein Vater. Auch dieses Mal ging er mit Eifer zur Sache. Als er nach vorne zum Laufband wollte, griff er an ein metallenes Geländer – und verharrte erstarrt. Wie eingefroren hing er an dem Geländer, mit weit aufgerissenen Augen, berichtet sein Vater. Vor Gericht beschreibt der 37-Jährige, wie er erschrocken nach seinem Jungen griff, wie er ihn mit Gewalt losriss und immer wieder "Jonathan, Jonathan" rief. Der Junge sei fest an dem Geländer verankert gewesen, schildert der Vater, er habe ihn mit großer Kraft an sich zerren müssen. Irgendwann steht er sogar vom Zeugenstuhl auf und spielt es vor, begleitet vom lauten Schluchzen seiner Frau, die die Szene im Gerichtssaal kaum erträgt.

Jonathan hat an dem Geländer einen starken Stromschlag bekommen. Am Tag darauf starb er im Krankenhaus.

Die Staatsanwaltschaft hat die beiden Inhaber des Supermarktes wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen angeklagt, Bruder und Schwester, beide mit schweren Lidern und leerem Blick. Sie selbst oder von ihnen beauftragte Handwerker sollen einen Trafo im Laden so unfachkundig an eine Stromleitung angeschlossen haben, dass darüber Strom in das Metallgitter neben der Kasse floss. Als Jonathan es berührte, habe er den Stromkreis geschlossen. Durch den heftigen Stromschlag habe er einen Herzstillstand erlitten. In dem Laden habe es eine "auch für Laien erkennbar dilettantische Stromführung" gegeben, so der Staatsanwalt. Die Inhaber hätten die Stromarbeiten zumindest kontrollieren müssen.

So sehen es auch die Angehörigen von Jonathan. Die Angeklagten aber wollen einen Freispruch. Das lassen sie ihren Anwalt schon sagen, kaum dass die Anklage verlesen ist. "Der Verteidigung ist sehr daran gelegen, unser nun anstehendes Ringen um einen Freispruch nicht als mangelndes Mitgefühl wahrzunehmen", schickt ihr Anwalt Gerald Goecke vorweg. Ein entsetztes Raunen geht durch den Raum, die Zuschauer wollten etwas anderes hören. Die Mutter von Jonathan bricht in Tränen aus.

An diesem Fall ist zu sehen, welch fatale Erwartung Verbrechensopfer und deren Angehörige oft in die Justiz setzen. Eine Erwartung, die nur enttäuscht werden kann.