Den besten Nachruf auf Heiko Schotte, genannt Schotty, hat seine Erfinderin gleich selbst ins Drehbuch geschrieben. "Du wolltest nie etwas Besonderes sein und warst es doch", lässt Ingrid Lausund Merle, Schottys große Liebe, am Ende der letzten Folge zu ihm sagen. "Du hast die Welt heiterer gemacht. Und du hast sie sauberer gemacht."

Man muss schlucken, wenn man diese Szene aus dem Tatortreiniger sieht. Nicht nur, weil einem der Hamburger Antiheld Schotty nach sieben Jahren ans Herz gewachsen ist. Sondern weil die Szene das Ende einer Serie bedeutet, die einem den Glauben an das deutsche Fernsehen zurückgeben konnte – als eine Comedyserie, die sekundenlange Stille zuließ, in der Blicke noch Bände sprechen durften und die den Zuschauer nicht für einen Idioten hielt, dem man jeden Gag mit dem Vorschlaghammer einprügelt, damit er ihn auch ja mitkriegt.

Dass die Serie nicht weitergeht, ist vor allem Lausunds Entscheidung. Sieben Jahre lang hat die Theaterautorin unter dem Pseudonym Mizzi Meyer wahre TV-Kleinode geschaffen, die von Regisseur Arne Feldhusen und Hauptdarsteller Bjarne Mädel in Perfektion umgesetzt wurden. Lausunds Geschichten waren Kammerspiele, die leichtfüßig vom Komödiantischen ins Philosophische wechselten. Jetzt ist sich Lausund nicht mehr sicher, ob ihr noch genug Geschichten für Schotty einfallen. "Wir wollten nicht, dass er eine Hausaufgabe wird", sagt sie.

Wer sich die letzten vier Folgen ansieht, die am 18. und 19. Dezember im NDR ausgestrahlt werden, kann über diese Bedenken nur den Kopf schütteln. Allein im Finale Einunddreißig stecken mehr Ideen als anderswo in einer ganzen Serie. Schotty wird zu einem Auftrag ins 31. Stockwerk eines surreal anmutenden Bürohochhauses gerufen. Im Foyer angekommen, muss er an der Rezeption warten, weil noch nicht ganz klar ist, wer wie zu Tode gekommen ist. In diesem Zwischenreich begegnen ihm viele Weggefährten aus den vergangenen 30 Folgen. Es folgt Insidergag auf Insidergag, für die es sich lohnt, alle Tatortreiniger-Episoden noch einmal anzusehen. Sebastian Blomberg, in Folge 25 ein despotischer Chef, muss nun selbst Toiletten putzen. Die zwei Bestatter aus Folge 12 machen einander weiterhin die Arbeit zur Hölle. Und selbst der Gorilla aus Folge 17 wird zitiert.

"Ich hätte gern noch ein paar Jahre geputzt", sagt Bjarne Mädel. "Aber wir haben alle einen so hohen Anspruch an uns, dass es echt konsequent ist, jetzt aufzuhören, bevor wir anfangen, uns zu wiederholen." Ingrid Lausund kennt er vom Theater; an ihren Büchern werde beim Dreh "maximal ein Halbsatz" geändert. "Ingrid hat nur meinetwegen fürs Fernsehen geschrieben. Sie geht komplizierte gesellschaftliche Themen immer über ein Detail an, über eine ganz konkrete, kleine, oft alltägliche Sache oder Situation. Das liebe ich so wahnsinnig an ihren Texten – neben ihrem Humor und ihrem Gespür für Timing."

Wenn Mädel über ihre Zusammenarbeit spricht, wird das Außergewöhnliche an dieser Serie schmerzhaft deutlich: drei Kreative mit einer gemeinsamen Vision, die einander nicht nur respektieren, sondern für die jeweils anderen auch das Beste aus sich herausholen wollen. Und mit dem NDR in den Händen eines Senders, der ihnen dabei ganz offensichtlich freie Hand lässt – was in dieser Branche ein seltener Glücksfall ist.

Lausund schafft es, in einer halben Stunde die großen und kleinen zwischenmenschlichen Debatten einmal ganz durchzudeklinieren: Vorurteile gegenüber Ausländern, die Dekadenz im Kunstbetrieb, die Angst vor der Verspießerung – 31 Miniaturen werden es am Ende gewesen sein. "Alle sagen ja, wie verrückt diese Geschichten sind", erzählt Lausund. "Aber ich finde sie gar nicht so verrückt. Sie erzählen, dass jeder in seiner eigenen Realität lebt und diese als normal empfindet. Die Komik ergibt sich, wenn die Realitäten aufeinanderprallen." So absurd manche Geschichten wirken mögen: Man erkennt sich in fast allen wieder. Und lacht so auch über sich selbst. Wobei, lachen: "Dass es lustig sein muss, ist keine Kategorie für mich", sagt die Autorin. "Das ist mir wurscht."

Mädel spricht oft von Glück, wenn er vom Tatortreiniger erzählt. Ein "wahnsinniges Glück" sei es gewesen, dass Feldhusen und er, "Arne & Bjarne", die Serie selbst besetzen durften. Und tatsächlich sind die schauspielerischen Leistungen so herausragend, dass man angesichts des bevorstehenden Serienendes geradezu Phantomschmerzen verspürt. Nicht nur Mädels Verkörperung des etwas einfältigen, aber herzensguten Schotty, der sogar intellektuell überlegende Counterparts zum Nachdenken bringen kann, ist mit ihrem Gefühl für Timing außergewöhnlich, sondern auch die in jeder Folge wechselnden anderen Darsteller. Jens Harzers maliziösen Rezeptionisten aus der letzten Folge könnte man sich in Dauerschleife ansehen, würde man dadurch nicht Gastauftritte von Olli Dittrich, Florian Lukas, Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner oder Bettina Stucky verpassen.

"Die Spuren, die ein Mensch hinterlässt, sind nicht wegzuputzen", sagt Merle in ihrer Trauerrede. Ein solches Erbe wünscht man sich auch für das deutsche Fernsehen. Die Sender sollten "Leute zusammenstecken, die gut zusammenpassen oder sich gut reiben", sagt Bjarne Mädel, "und dann muss man sie machen lassen". Wenigstens werde der Tatortreiniger immer öfter als Beispiel angeführt, wenn es ums Machenlassen geht: Bei dem hat es doch auch geklappt.

Der NDR zeigt am 13. und 15. 12. insgesamt 13 alte Folgen, die letzte Staffel wird am 18. und 19. 12. ausgestrahlt, jeweils ab 22 Uhr.