Wie er dort steht, der junge weiße Mann. In seinen ausgewaschenen Jeans und dem dunkelblauen Wollpullover, in diesem Mädchentraum aus Pastell. Den großen Briefumschlag fest vor die Brust gepresst. Fünfzig Augenpaare richten sich auf ihn, die Stille ist kaum auszuhalten. Er hat den Blick auf den Boden gerichtet. Wahrscheinlich ist ihm das noch nie passiert: in einem Raum zu stehen und nicht dazuzugehören. Eine Mitarbeiterin zieht ihn schließlich zur Seite, sie flüstern. Er legt den Umschlag in ihre Hände. Dann verschwindet er im Fahrstuhl. Männer sind in den Clubräumen von The Wing nicht erwünscht.

The Wing ist der derzeit größte Frauenclub in Amerika. Wing wie "der Flügel". 2016 wurde der erste Clubraum im Flatiron District in Manhattan eröffnet, dort spielte sich Ende Oktober diese Szene ab. Mittlerweile gibt es weitere Standorte in Brooklyn, Soho, Washington und San Francisco. Im nächsten Jahr soll The Wing nach Europa kommen, erst nach London, im späten Herbst nach Paris. Es ist der Versuch, die Tradition von Frauenclubs wiederzubeleben und neu zu denken. Jene Erfindung des späten 18. und 19. Jahrhunderts, als Frauen anfingen, für Gleichberechtigung zu kämpfen, und sich zusammenschlossen, um politische und gesellschaftliche Teilhabe einzufordern.

42 Millionen Dollar haben die Gründerinnen von The Wing – Audrey Gelman und Lauren Kassan, zwei New Yorkerinnen Anfang dreißig – für dieses Großprojekt bei Investoren zusammengetragen. 6.000 Frauen sind inzwischen Mitglied, darunter die Schriftstellerin und Filmemacherin Lena Dunham, die Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez und die Whistleblowerin Chelsea Manning. Sie zahlen dafür einen monatlichen Beitrag von gut 200 Dollar. Im Gegenzug bekommen sie Arbeitsplätze, Konferenzräume und Podcast-Studios, ein leistungsstarkes Wi-Fi, gesundes Essen, eine Bibliothek, Duschen und Schminktische und ein feministisches und kollegiales Netzwerk aus engagierten, klugen Frauen. Das ist das Versprechen.

Und so sitzt man also in den Clubräumen im Flatiron District, in Soho oder Brooklyn, hat drei Tage Zeit und irre hohe Erwartungen. Was passiert in The Wing, und ist das, was passiert, tatsächlich neu, revolutionär? Einen jungen weißen Mann mit Nichtachtung zu strafen reicht natürlich nicht. Und die Vorurteile liegen auf der Hand: Möglicherweise wird hier nur ein Markt bedient. Der Feminismus als Bewegung und gesellschaftliche Utopie erfährt dieser Tage ja nicht nur einen Backlash durch Männer wie Donald J. Trump. Paradoxerweise ist er so begehrenswert wie nie zuvor und längst Teil der Popkultur, des Mainstreams geworden. Mehr niedlich als radikal.

Niedlich sind auch die Räume von The Wing. Sie erinnern an Kulissen aus Filmen von Wes Anderson. Die Sessel und Sofas sind aus pastellfarbenem Samt, die Tische aus hellem Holz oder weißem Marmor. Aus den Lautsprechern säuselt R ’n’ B. Es gibt Telefonzellen, benannt nach fiktionalen Heldinnen wie Lisa Simpson oder Hermine Granger. Die Bibliothek, mit Büchern von und über Frauen, ist nach Farben geordnet. Die Mitarbeiterinnen in The-Wing-T-Shirts und -Baseballcaps sehen aus wie Pfadfinderinnen. Sie sind so freundlich, dass man als Deutsche so viel Nettigkeit kaum aushält. "Schön, dass du da bist. Ich mag deine Hose. Deine Tasche. Deinen Lippenstift." Im Flatiron District gehört zu dem Clubraum eine Dachterrasse mit Blick auf das Empire State Building. In Brooklyn kann man in weichen Liegestühlen versinken und auf den East River schauen. Sieht so ein wirksamer Gegenentwurf zu den patriarchalen Strukturen der Gegenwart aus?

"Wir sind ein coven, keine Studentenverbindung", sagt Audrey Gelman, die Gründerin und das Gesicht des Clubs, über The Wing. Leider kann man sie in New York nicht persönlich treffen. "Zu beschäftigt", sagt die Pressesprecherin. Dafür kommt ihre Freundin aus Teenagertagen, Joana Avillez, zum Mittagessen nach Soho und erzählt, wer die Frau ist, die nach einer Karriere in der Politik (sie war im Wahlkampfteam von Hillary Clinton und die Beraterin des derzeitigen New Yorker Stadtkämmerers Scott Stringer) mit dreißig diesen Club gründete und dafür viele Männer in schwarzen Anzügen überzeugte, ihr viel Geld zu geben. Darunter der Gründer des amerikanischen Unternehmens We Work, heute einer der Hauptinvestoren.

"Audrey ist eine Vordenkerin mit Rabenhaar", sagt Avillez, die als Illustratorin arbeitet. "Sie war immer schon getrieben. Aber der Unterschied zwischen ihr und vielen anderen ist, dass sie nicht nur brillante Ideen hat, sondern diese auch umsetzt. Sie scheint sich vor nichts zu fürchten. Sie ist auf der ständigen Suche nach Neuland." Ursprünglich sollte The Wing einmal "Refresh" heißen.

Coven ist übrigens eine feministisch konnotierte Bezeichnung für "Hexenzirkel". Gemeinschaften von Frauen also, die Ärger machen. Doch Ärger sucht man heute (fast) vergeblich. Oder ist es nur ein positives Vorurteil, eine dieser irren Erwartungen, dass Frauen hier zusammenkommen, um Pläne für feministische, weltverändernde Aktionen zu schmieden? Proteste, Märsche, Streiks?

Stattdessen sitzen sie die meiste Zeit still vor ihren Laptops, Kopfhörer auf den Ohren, und schlürfen frische Säfte. Ab und zu blicken sie gedankenverloren in den Raum. Kein Aktionismus, viel Stille. Wer reden will, muss das einfordern. Die Frauen antippen. Sie stören.

"Männer brauchen unsere Hilfe nicht"

Auf diese Weise trifft man Erin, Autorin und Gründerin des feministischen Online-Magazins Ravishly. Sie schreibt gerade an einem Drehbuch. Viermal pro Woche kommt die 44-Jährige hierher. The Wing ist ihr Arbeitsplatz, der günstigste, den sie finden konnte. 215 Dollar im Monat sind für New Yorker Verhältnisse nicht viel. Früher hat sie oft in Cafés gearbeitet, aber sich immer wieder dabei ertappt, in gewisse Posen zu verfallen, sobald Männer den Raum betraten. Der Druck, gut aussehen zu müssen (oder zu wollen), lenkte sie ab. Gegen solche erlernten Muster kämpfen auch moderne Feministinnen täglich an. "Hier kann ich sechs Stunden lang konzentriert arbeiten, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie ich wirke", sagt Erin und dass The Wing für sie eine Art safe space sei.

Bisher hat sich Erin kaum mit den anderen Frauen ausgetauscht. Dafür fehlt der Mutter von zwei Kindern die Zeit. Seit Monaten nimmt sie sich vor, eine der Abendveranstaltungen zu besuchen. Sie hat es noch nicht geschafft.

Erst die Veranstaltungen lösen das Versprechen eines kollegialen Netzwerks ein und machen aus dem Coworking-Space einen feministischen Club. Es gibt Lesungen und Diskussionsrunden zur politischen Weltlage, zu gendergerechter Sprache, Fehlgeburten, Diversität, Unternehmensgründung, Frauen in Hollywood, White Feminism, den Midterms oder #MeToo. Als Gesprächspartnerinnen eingeladen werden einflussreiche Frauen wie Hilary Swank, Kathryn Hahn, Tina Brown, Hillary Clinton oder Alexandria Ocasio-Cortez.

Während der Tage in New York stellt die Autorin Rebecca Traister im Flatiron District ihr neues Buch Good and Mad: The Revolutionary Power of Women’s Anger vor. Es ist ein Buch über genau die weibliche Wut, die man hier bislang vermisst. Der Raum ist voll, die Stimmung euphorisch. Es gibt Wein. Traister rekapituliert noch einmal, welche gesellschaftlichen Folgen weibliche Wut und weiblicher Aktionismus in der amerikanischen Vergangenheit hatten und dass es für Veränderungen stets Wut gebraucht habe. Sie erinnert an Clara Lemlich, die 1909 zu einem der größten Streiks in der New Yorker Textilproduktion aufrief; an die Suffragetten, die sich 1917 an den Zaun des Weißen Hauses ketteten, und an die Protestmärsche, die seit der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten stattgefunden haben und die ein wichtiges Instrument des Widerstands sind.

Ihr Buch ist ein Aufruf, die weibliche Wut zu nutzen: Männer wie Donald J. Trump hätten vor nichts mehr Angst. Das klingt leicht. Im Alltag aber ist es schwer. Selbstermächtigt und feministisch zu handeln, auch das versteht man an diesem Abend und diesen Tagen in The Wing, ist eine Herausforderung. Für die Mitglieder des Clubs und wahrscheinlich für jede Frau. Wie weit kann, soll und muss man gehen? Wie sehr ist man bereit, aus der eigenen Komfortzone auszubrechen? Niemand wird als Feministin geboren. Umso wichtiger sind Gesprächsrunden wie diese.

Ibada aus Brooklyn mag den Begriff Feministin nicht. Der sei von weißen Frauen geprägt, einer Gruppe, der sie sich als schwarze Amerikanerin nicht zugehörig fühle. Sie bevorzuge "womanhood", um eine Gruppe von Frauen zu beschreiben, die für Gleichberechtigung kämpfen. Seit Mai ist Ibada Mitglied in The Wing und nimmt an fast jeder Abendveranstaltung teil. Dieser Austausch sei unbezahlbar, auch für die eigene Karriere. Es werden Tipps und Kontakte weitergegeben. Ibada ist 36 und hat ein eigenes Modelabel. Das klingt nach Klischee, ist in Wahrheit aber mehr Mittel zum Zweck. Sie designt Schals und Handtaschen. Für die Produktion stellt sie ausschließlich Frauen ein, die im Gefängnis saßen und kaum Aussicht auf einen Arbeitsplatz haben. Nebenbei kämpft sie als Juristin für Reformen in der Strafjustiz. Durch das Label kann sie beides verbinden. Als man sie am Samstagmorgen in Brooklyn trifft, betont sie, wie sehr sie es schätze, dass The Wing ein "no man’s land" sei. Das bedeute keinen Ausschluss, doch "Männer brauchen unsere Hilfe nicht, um Räume zu erobern".

The Wing wird sich öffnen müssen

Der Vorwurf, The Wing würde aus- statt einschließen, ist nicht aus der Welt zu schaffen. Die New Yorker Kommission für Menschenrechte prüft gerade, ob der Club gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt. Audrey Gelman hat sich dazu in einem Interview mit der New York Times geäußert. Alle Menschen, die sich als Frauen identifizierten und als Frauen lebten, sagt sie, könnten Mitglied werden, im Übrigen werde Männern der Zutritt nicht per se verweigert. In Absprache sei das schon möglich. Außerdem gebe es in New York etliche Clubs nur für Männer, die, soweit bekannt, mitnichten untersucht würden.

In diesem Zusammenhang muss man an Jessa Crispin denken, die kürzlich unter dem Titel Why I Am Not a Feminist ein feministisches Manifest veröffentlicht hat. Sie beschreibt, was Feminismus heute sein sollte: eine radikale Gesellschaftsutopie, die sich dafür einsetzt, gläserne Decken für alle zu sprengen. Crispin wirft dem Feminismus unserer Zeit vor, die Fehler des Patriarchats zu wiederholen, in dem nur die gefördert und eingeschlossen werden, die aus der gleichen gesellschaftlichen Blase kämen. Auch The Wing sortiert nach Einkommensgrenze. Die meisten Frauen haben einen akademischen Abschluss und kommen mindestens aus der Mittelschicht. Sie sind Wissenschaftlerinnen, PR- und Politikberaterinnen, Designerinnen, Immobilienmaklerinnen, Schriftstellerinnen, Software-Entwicklerinnen, Filmemacherinnen, Illustratorinnen. Mit unterschiedlicher Hautfarbe: ja. Aber ihre Grundvoraussetzungen für ein im kapitalistischen Sinne erfolgreiches Leben sind sehr ähnlich. Kritiker sehen in The Wing einen rentablen sozialen Club unter dem Deckmantel des Feminismus. Daran ändere auch das kleine, etwas undurchsichtige Stipendienprogramm wenig, das für 100 weniger privilegierte New Yorkerinnen im Jahr die Mitgliedschaft übernimmt.

Die Kritik ist berechtigt. Doch wo fängt man an? Ist es nicht trotzdem besser, dass es wenigstens für diese Frauen einen Ort gibt, an dem sie sich vernetzen können? Die Frauen, die man in The Wing trifft, beeindrucken mit ihrem Mut und Unternehmergeist. Die meisten haben sich bewusst für die Selbstständigkeit entschieden. Sie haben sich wie Erin, Ibada oder Tiffany, die in den Clubräumen Marketing-Strategien für von Frauen geführte Start-ups entwickelt, ein Arbeitsumfeld nach eigenen Vorstellungen aufgebaut. Weil es ihnen sinnvoller erscheint, Neuland zu erobern, statt sich an Bestehendem abzuarbeiten. Tiffany, 28, sagt, dass sie früh das Gefühl gehabt habe, sie verliere diesen Kampf. Traditionen und Gewohnheiten – Glasdecken – lassen sich nur schwer verändern oder gar einreißen. Nach unzähligen Praktika habe sie irgendwann aufgehört, "sich anzubiedern", und ein Unternehmen gegründet. Mittlerweile hat sie eine Geschäftspartnerin, die sie über die App von The Wing gefunden hat, auf der man andere Mitglieder kontaktieren kann.

The Wing ist ein Ort, der Ambitionen zelebriert und Frauen Platz schafft. Das ist erst einmal weder revolutionär noch radikal. Doch wer weiß, was aus dieser professionellen Enklave entstehen kann. Welche zukünftigen Projekte, Unternehmen und Institutionen hier ihre Reise beginnen könnten und was sein wird, wenn The Wing 2019 nach Europa kommt und irgendwann, so der Traum von Audrey Gelman, in den Nahen Osten.

Es stimmt, in Deutschland gibt es das schon. So ähnlich. Es gibt Büros nur für Frauen und feministische Gesprächskreise, die Salons heißen und oft von Frauen aus dem Kulturbetrieb gegründet werden. Und es gibt auch eine Handvoll geheimnisvoller, exklusiver Clubs für Karrierefrauen aus Politik und Wirtschaft, die es in Führungspositionen geschafft haben. Aber ein feministisches, branchen- und grenzübergreifendes, sichtbares Netzwerk wie The Wing gibt es auch hier noch nicht.

Vernünftige würden trotzdem sagen: The Wing wird sich öffnen müssen. Wenn es tatsächlich für eine feministische, gleichberechtigte Welt einstehen will, von der ja auch Männer, wie der arme Kerl im dunkelblauen Wollpullover, profitieren würden. Aber wer ist dieser Tage schon vernünftig? Von einem Zimmer für sich allein träumen Frauen seit Jahrhunderten.