Handke mit Pilzsuppe

Der Musiker, der zu Beginn auf der Bühne sitzt, trägt einen wilden Bart, einen Fellmantel und Zehenschuhe. Zehenschuhe sind ein merkwürdig unentschlossenes Schuhwerk – man will ein natürliches Gefühl unter den Sohlen haben, traut sich aber nicht, barfuß zu laufen, und zieht sich darum diese Dinger an, die den Eindruck vermitteln, man laufe barfuß, obwohl man es nicht tut. Ziemlich widersprüchlich, und so verrät dieses Detail sehr viel: nicht nur über die Menschheit, sondern auch über den Abend Kaspar in der Garage des Thalia Theaters. Dieser Abend ist wahnsinnig lustig, verwirrend widersprüchlich und sehr kurzweilig.

Die junge Regisseurin Leonie Böhm bringt Peter Handkes Kaspar auf die Bühne und nimmt sich dabei viele Freiheiten und wenig Zeit, nämlich genau eine Stunde. Für Handke war der berühmte Kaspar Hauser, der in Gefangenschaft und ohne menschlichen Kontakt aufwuchs, die ideale Figur, um seine Sprachspiele zu inszenieren.

Das Stück zeige, "wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann. Das Stück könnte auch Sprechfolterung heißen", sagte Handke damals. Böhms Inszenierung ist das Gegenteil von Folter, was vor allem an den beiden Schauspielern liegt – Johannes Rieder als waldschrätiger Musiker und Jörg Pohl als Kaspar Hauser. Die Szenerie: eine Blockhütte im Wald. Die beiden musizieren, kochen eine Pilzsuppe, die in einen psychedelischen Trip mündet, und lesen ab und zu aus Handkes Originaltext vor. Die Handlung bleibt nebulös, aber das ist nicht weiter störend: Handke in Zehenschuhen eben.

Xaver von Cranach

"Kaspar", Thalia Theater Gaußstraße, Vorstellungen: 27. 12., 28. 1., 6. 2.

Sängerkrieg auf der Weihnachtsfeier

Als "Elberoperung" wurde Anfang November die Wiedereröffnung des Opernlofts gefeiert – nach einer langen Odyssee, nach einer verzweifelten Raumsuche. Seither bespielt das Leitungs-Team, bestehend aus Yvonne Bernbom, Inken Rahardt und Susann Oberacker, den Alten Fährterminal Altona. Mit "Opern ohne Berührungsangst", wie es in der Pressemitteilung heißt, und eigenen Formaten, aktuell wird dort Tosca als "leidenschaftlicher Abend mit Puccini, Pizza und Amore" gespielt, die Kinderoper Die Prinzessin der Feen nach Shakespeares Sommernachtstraum und Sängerkrieg Weihnachten, eine Solisten-Battle mit Verweis auf die mittelalterlichen Wettstreite auf der Wartburg.

Die Idee ist charmant: Vier Kandidatinnen und Kandidaten – Sopran, Mezzosopran, Tenor und Bariton – treten gegeneinander an. Ein Buzzer-Ton stoppt sie, zwei Moderatorinnen werfen eine passende Quizfrage ins Publikum, der richtig antwortende Zuschauer erhält einen Schnaps oder eine Mozartkugel. Abschließend entscheidet das Publikum via Applausometer über die beste Darbietung. Das Repertoire ist so groß wie eingängig: Es reicht vom Somewhere over the Rainbow- Hit bis zum Ave Maria, von Mozart bis Bernstein, von der großen Arie bis zum volkstümlichen Schlaflied. Die Sängerinnen und Sänger sind grandios. Doch da sie Bommelmützen, Tannenzweige oder ganze Schaumstoff-Brathühner auf dem Kopf tragen müssen, wirken sie wie glühweinselige Weihnachtsmarktbesucher. Einfach die Augen schließen hilft leider nicht, da sich das Gefühl elbtief verankert: ungeladener Gast auf einer Weihnachtsfeier zu sein.

Katrin Ullmann

"Sängerkrieg" im Opernloft, Weitere Termine 14. und 31.12.

David Bowie fliegt vorbei

Wann hat man das schon mal im Publikum gesehen: Frauen, denen vor Begeisterung die Brille vom Kopf fliegt; Männer, die weinen und im Takt klatschen, aber auf eine seltene, gute Art. Und das auch noch im ehrwürdig-samtenen Schauspielhaus. Aber man hat ja auch nicht immer Alexander Scheer zu Gast, beziehungsweise David Bowie, beziehungsweise Thomas Newton.

Lazarus heißt das Musical, das David Bowie kurz vor seinem Tod noch geschrieben hat und das mittlerweile in New York, London, Wien und Düsseldorf zu sehen war. Und jetzt auch in Hamburg, in der Inszenierung von Falk Richter.

Es geht um den Außerirdischen Thomas Newton, der von seinem ausgetrockneten Planeten auf die Erde geschickt wurde, um nach Wasser zu suchen. Newton bleibt auf der Erde und wird zu einem reichen, melancholischen Alkoholiker, der Gin frühstückt und sehr viel fernsieht. Bis er sich dazu entschließt, ein Raumschiff zu bauen, um nach Hause zu kommen.

Eine schnelle Publikumsbefragung in der Pause ergibt ein präzises Bild: Eine Besucherin sagt: "Die Story ist schon ein bisschen dünn." Ein Besucher erwidert: "Aber mein Gott, der Scheer!" Und tatsächlich: Alexander Scheer singt die 17 Songs als Reinkarnation Bowies, ein dünner, bleicher, eleganter Dandy, scheinbar schwerelos mäandert er über die Bühne, lässt sich nieder, steht wieder auf, wie eine Marionette von unsichtbaren Fäden gezogen. Die Story interessiert keinen mehr. Am Schluss, natürlich: Heroes. Gänsehaut, Tränen. Noch mal Heroes.

Xaver von Cranach

"Lazarus", Deutsches Schauspielhaus, Vorstellungen am 28. und 29.12. sowie am 13.1.19