Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Feiertage sind immer auch Tage, an denen die auffallen, die nicht mehr da sind. Wenn Stühle an Familientafeln leer bleiben. Dieses Weihnachten werde ich eine Großtante vermissen, die wir über viele Jahre an Heiligabend in ihrem Häuschen auf dem Land abgeholt hatten. Mein Deutschlehrer hatte uns ermutigt, Weihnachten an die Alten zu denken, die allein zu Hause sind. Meine verwitwete, kinderlose Großtante Rosa war so eine Alte. Wie sie sich gefreut hat! Schon Wochen vorher war sie aufgeregt, und man konnte damit rechnen, dass sie sich zu diesem Anlass immer besonders herausputzte. Vor ein paar Monaten ist sie mit 97 Jahren gestorben. Es wird das erste Weihnachten seit Langem ohne sie sein. Damit macht das Fest von Jesu Geburt auch den Tod gegenwärtig.

Dass der Tod zum Leben gehört, für die Generation meiner Tante noch viel selbstverständlicher, merkte ich erst, als ich ihren Nachlass durchsah. Alles, was irgendwie mit Kirche zu tun hatte, war in einer Schachtel für mich aufbewahrt worden. Ich entdeckte darin zahlreiche kleine Kreuze, typische Sterbekreuze. Ich kannte sie schon von den Haushaltsauflösungen anderer verstorbener Verwandter, meist lagen sie auf dem Nachttisch oder hingen an der Wand neben dem Bett. Die meisten waren aufwendig gearbeitet – das Holz war von einem Metallrahmen eingefasst. Was mir jedes Mal auffiel: Die kleinen Kreuze, kaum größer als eine Hand, sind sehr schwer. Das hat sicher auch mit ihrer Bestimmung zu tun, dachte ich mir. Denn sie lagen neben dem Bett bereit, um in einer Stunde der Bedrängnis, ja gar in der Todesstunde, dem Leidenden Halt zu geben.

Meine Verwandten erklärten mir, dass früher jeder sein Sterbekreuz besaß. Es war manchmal auch Teil der sogenannten Versehgarnitur, ein meist silbernes Set aus einem großen Standkreuz, zwei Kerzenleuchtern und kleinen Schalen für Weihwasser und Kommunion. Für alle Requisiten also, die der Priester für die "Letzte Ölung" am Krankenbett benötigte. Heute findet man die Garnituren wegen ihrer edlen Optik häufig (leider meist in Einzelteilen) auf Flohmärkten. Damals waren sie auch ein beliebtes Hochzeitsgeschenk, zogen also nicht erst im Alter im Schlafzimmer ein. Es war auch durchaus üblich, jeden Abend um eine gute Sterbestunde zu beten. War der Moment gekommen, wurden die Kerzen angezündet, das kleine Sterbekreuz in die Hand gegeben und das große in Sichtweite aufgestellt. Auf Fotografien von Toten kann man das gut sehen. Was früher Trost spendete, wirkt auf uns heute vielleicht ein wenig gruselig.

Ich habe mir trotzdem das schönste kleine Sterbekreuz ausgesucht und es neben mein Bett gelegt. Anfangs mit Unbehagen – die Vergänglichkeit jeden Abend und jeden Morgen vor Augen geführt zu bekommen hat etwas Beklemmendes. Doch irgendwann gewöhnte ich mich daran, und es brachte dem Tod Normalität und dem Leben ein bisschen mehr Carpe-diem-Charakter zurück. Seither begleitet mich die Frage: Denken wir eigentlich genug an die eigene Todesstunde? Der leere Stuhl an Weihnachten wird mich dieses Jahr wohl auch daran erinnern.