Wir sind das Volk", #wirsindmehr, "We are the 99 percent" – wer politisch agieren will, bildet ein "Wir", das ist der politische Akt par excellence. Und es gibt derzeit viele Gründe, sich dieses Wir einmal genauer anzuschauen. Was sagt man eigentlich, wenn man "wir" sagt? Wie formen sich kollektive Identitäten? Was erhält sie, was dehnt sie, und was hat "wir" mit mir zu tun?

Es könnte also eine gute Nachricht sein, dass auf all die Bücher über Integration, Identitätspolitik und die Reaktion auf die Krise der Demokratie nun eines folgt, dessen Autor einen Schritt zurücktritt und einen philosophischen Blick auf die "Wir"-Prozesse werfen will, die unter alldem liegen. Und dann ist dieser Autor auch noch Tristan Garcia, 37-jähriger Jungstar der französischen Philosophie, Professor in Lyon und seit seinem Essay Das intensive Leben aus dem Jahr 2016 auch in Deutschland als wichtige Stimme seiner Generation bekannt.

Im ersten Teil des Buches entwirft Garcia ein Modell für das Wir rund um die Idee, dass jeder Mensch immer Teil von vielen Wir gleichzeitig ist (wir Wiener, wir Frauen, wir Teetrinker). Diese Wir stellt sich Garcia wie Folien vor, die jeder für sich übereinanderstapeln muss, womit er, weil die Sicht nach unten schlechter wird, priorisiert. Niemand ist nur deutsch oder nur homosexuell, aber diese "Bildschicht", wie Garcia sagt, für eine Zeit oder nur einen Moment obenauf zu legen, heißt: Das ist die Kategorie, die ich für wichtig halte. "Wir" zu sagen heißt, eine Ebene zu wählen, und das gleich für andere mit. Auch deshalb, weil man damit ein bestimmtes Einteilungssystem wählt; es ist zum Beispiel etwas anderes, "wir Europäer" zu sagen als "wir Abendländer", weil man damit verschiedene Einteilungssysteme der Welt mitspricht.

Vieles davon ist nicht neu. Auch nicht die anschließende Beobachtung, dass sich in der Moderne alte Wir-Kategorien aufzulösen begonnen haben. Aber Garcia erzählt gut recherchiert, wie biologische Arten, Gender, Rassen, Klassen und in gewisser Hinsicht sogar das Alter durch Forschung und demokratische Entwicklungen in den letzten 200 Jahren "entgründet" wurden, wie er sagt. Trotzdem bestünden sie auf eine Art fort, als leere Hüllen, die heute hauptsächlich strategisch eingesetzt würden. Und hier, auf den letzten 50 Seiten, wird das Buch plötzlich originell. Garcia analysiert, historisch und soziologisch versiert, die Dynamiken der Identitätspolitik und wirft mit Thesen nur so um sich. In einem "Krieg des Wir gegen das Wir" zücke jeder diejenige Wir-Folie, nach der er wenigstens ein bisschen durch andere benachteiligt würde. Denn reale Herrschaft habe sich vom Herrschaftsgefühl gelöst, jeder fühle sich ein bisschen unterdrückt. Und Garcia fügt dem kluge Überlegungen hinzu: So hätten womöglich ausgerechnet die Erfolge der Befreiungsbewegungen und aufgelöste Kategorien dazu geführt, dass im politischen Kampf heute alle so sehr damit beschäftigt sind, den anderen die eigene Diskriminierung beweisen zu wollen.

Leider bricht er aber auch oft genau dann ab, wenn man gerne tiefer einsteigen würde, und lässt einen mit anphilosophierten Wortspielen zurück. Zum Beispiel wüsste man gern: Welchen Status haben denn die alten Kategorien wie Geschlecht, Klasse oder Hautfarbe genau, wenn wir sie nicht mehr für reale Kategorien halten, sie aber doch im Alltag und eben zum Politikmachen ziemlich real sind? Garcia begnügt sich mit dem Oxymoron, sie seien "irreale Realitäten".

Auch wenn er die These aufstellt, dass dasjenige Wir, das die Herrschaft eines anderen anprangert, diesen Herrscher dadurch ebenso beherrscht, wüsste man gerne mehr. Man kennt diese Streitthese gut, etwa von Männern, die sich von Äußerungen der #MeToo-Bewegung unterdrückt fühlen. Doch die Erklärung, wie genau welche Macht durch solche Aussagen fließt, bleibt leider aus. Garcia postuliert "Herrschaftseffekte", macht keine weiteren Angaben und ist schon wieder bei der nächsten These: dass in diesem Tohuwabohu nun wirklich nicht mehr auszumachen sei, wer hier eigentlich wen beherrscht. Eine Begründung dafür, warum Statistiken etwa über Polizeigewalt oder Armut nicht mehr gültig sein sollen, liefert er leider auch nicht, jedenfalls keine, die über ein resignierend-konstruktivistisches "Das fühlen eben alle so" hinausgeht. Zurück bleiben wir Leser mit einigen Denkanstößen und vielen offenen Fragen. Wir Verwirrten – ist das nicht ohnehin die größte Wir-Kategorie von heute?

Tristan Garcia: Wir. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 332 S., 28,– €, als E-Book 23,99 €