Ein Leben ohne Borotalco ist für eine notorische Kleckerin wie mich undenkbar. Kaum trage ich ein weißes Hemd oder einen empfindlichen Stoff am Leib, schon kleckere ich. Obwohl ich weiß, dass ich gleich kleckern werde, und größte Vorsicht walten lasse. Zack, ist es passiert. Ich komm nicht dagegen an. Zum Glück gibt es das Wundermittel Borotalco. Zum ersten Mal Bekanntschaft damit habe ich vor vielen Jahren auf dem Filmfestival von Venedig gemacht. Alles war todschick: Ich war schick und sehr hell angezogen, wir gingen in ein sehr schickes Restaurant, es gab schick zu essen – und bäm, da landete ein Riesenklecks fettige Sauce auf meiner Bluse. Während ich noch entsetzt auf den Fleck starrte, kam schon ein Kellner angelaufen, auf dem Silbertablett eine grüne Dose Borotalco. Gewissenhaft wie ein Notarzt machte er sich ans Werk. Schüttelte die grüne Dose elegant wie einen Cocktailshaker und sprühte mir zielsicher weißen Talkumpuder auf den Fleck auf der Bluse, rieb ihn mit Daumen und Zeigefinger ein und bedeutete mir, zu warten. Gehorsam saß ich da und rührte mich minutenlang nicht. Als der Fleck das Pulver aufgesaugt hatte, kam der Kellner zurück, stilvoll mit einem Silberschäufelchen und versilberter Bürste auf dem Silbertablett.

Mit ein paar wenigen, genau choreografierten, energischen Strichen bürstete er den Puder ab. Der Fleck war auf magische Art und Weise verschwunden. Der Kellner nickte zufrieden und trug den nächsten Gang auf. Ich war von der Prozedur so beeindruckt, dass ich versucht war, nun mit Absicht zu kleckern, um sie abermals erleben zu dürfen. Am nächsten Tag kaufte ich mir sofort meine erste Dose Borotalco, auf der eine Kinderschwester ein Baby herzt. 1878 wurde es in einer kleinen Apotheke in Florenz von Henry Roberts erfunden, bis heute kennt es in Italien jedes Kind. Fröhlich kleckerte ich von nun an vor mich hin, Panik brach nur aus, wenn der Borotalco-Nachschub zu Ende ging. Freunde und Verwandte aus Italien mussten es mir ständig mitbringen. Jetzt gibt es Borotalco natürlich längst im Netz. Ob es das wunderbare Ritual in italienischen Restaurants noch existiert? Oder wird einem stattdessen nur noch ein Zettel mit der Web-Adresse in die Hand gedrückt? Wie schade wäre das!