Wenn Atheisten Weihnachten feiern, ist das gleichermaßen einleuchtend wie bescheuert. Einleuchtend, weil Menschen fast nichts ohne einen Anlass tun – und sei es, mit der Familie zusammenzusitzen. Bescheuert ist es, weil Weihnachten eben der Geburtstag des Sohnes Gottes ist. Man schmeißt ja auch keine vierwöchige Party für fremde Kinder, vor allem, wenn man dem Vater nicht recht über den Weg traut.

So oder so beweisen überfüllte Einkaufszentren und Kämpfe um die richtigen Urlaubstage: Auch die meisten Atheisten hängen am Christfest. Funktioniert Weihnachten also auch ohne den, um den es ursprünglich ging? Oder fehlt ohne Jesus etwas?

Die kurze Antwort auf die erste Frage ist: auf jeden Fall. Und auf die zweite: ja, schon auch irgendwie.

Für die lange Antwort muss ich etwas ausholen: Jahrzehntelang fühlte ich mich im Advent den Glühweinständen näher als der Kirche nebenan. Ich liebe das Fest schon immer, die ganze Zeit, Lichter, Lametta, Glühwein, das Zusammensein mit der Familie. Aber das alles hatte für mich nichts mit Jesus zu tun – also bis auf diese kleine Plastikfigürchen-Krippenszene, die vor etlichen Jahren in einem Adventskalender von den Kinderschokolade-Überraschungseiern versteckt war.

Warum aber hängen selbst überzeugte Atheisten so sehr an diesen Tagen? Warum kämpfen sich gerade dann Tanten über die Autobahnen zu der Familienhälfte, die sie sonst nur über Geburtstagskarten kennen; kehren Kinder aus Auslandssemestern zurück; beißen Cousins nebeneinander in den Gänsebraten, obwohl sie sich eigentlich nicht ausstehen können? Und zwar ganz egal, ob es danach in die Kirche geht oder nicht.

Weil Weihnachten mittlerweile bekanntlich auch das Fest der Liebe ist, der Familie. Beides könnte man natürlich ständig feiern, aber die meisten vergessen oft, dass es da etwas zu feiern gibt. Und das gilt vor allem für Atheisten, die sich nicht einmal pro Woche in ein Steingemäuer setzen, um sich bewusst zu machen, dass um sie herum so viel Gutes ist. Deswegen nutzen sie Weihnachten als Anlass, um zu zeigen: Auch wenn ich dir nicht immer perfekt rüberbringe, was du mir bedeutest, heute habe ich meine Fingerkuppen am Heißkleber verbrannt, um dir einen schiefen, selbst gebastelten Tannenbäumchen-Kerzenhalter zu schenken.

Und trotz alledem – wer Atheistin ist und gleichzeitig Weihnachten feiert, hat ein Problem. Es ist sehr schwer, fast unmöglich, das Fest der Liebe einerseits aus der Kirche rauszuhalten. Und es dann auch noch von der Orgie des Konsums zu trennen. Kinder sehen in den Pro7-Weihnachtsfilmen die 25 Geschenke pro Socke pro Kind auf dem Bildschirm – und wollen das auch. Aber die Geschichte, wie der mächtigste Kerl des Erdballs in einem unscheinbaren Stall geboren wurde, hören sie vielleicht nicht mehr. Der Weihnachtsmann, der das Christkind ersetzt hat, ist bekanntlich eine Erfindung von Coca-Cola. Auch wer der heilige Nikolaus war, wissen immer weniger, aber die Schoko-Weihnachtsmänner stehen schon ab August im Regal.

Und deswegen ist es manchmal auch ein bisschen komisch, als Atheistin zu sagen, dass man Weihnachten mag. Man wirkt ein wenig wie das Konsumopfer, das den billigen Strategien der Werbeagenturen erlegen ist. Noch schlimmer allerdings: sich eingestehen, dass man dem wirklich erlegen ist. Als Atheistin erinnert mich niemand von irgendeiner Kanzel herab an das Fest der Liebe, da sind lediglich die Werbeplakate für verkaufsoffene Sonntage. Meine Weihnachtsantennen werden ausgefahren, wenn sich das Einkaufszentrum in Glitzer hüllt und im Radio Wham! läuft. Dagegen wirkt die frohe Botschaft der Christen doch irgendwie festlicher.

Über all das habe ich mir lange keine Gedanken gemacht, nie hat mir etwas gefehlt – bis ich vor zwei Jahren meine Heilige Nacht mit Christen verbrachte, so richtigen Christen. Ich besuchte, aus Jobgründen, drei katholische Gottesdienste in Münster. Der erste war ein Kindergottesdienst und ein bisschen anstrengend. Der zweite war eine Familienmesse und ein bisschen überfüllt. Aber auf allen Kirchenbänken lagen gelbe Liederhefte aus, in denen die Weihnachtsklassiker standen. Auch O du fröhliche. Normalerweise singe ich das Lied vor dem Weihnachtsmann, um meine Geschenke zu bekommen, weiß nach der ersten Strophe den Text nicht mehr und singe dann selbstbewusst in Fußball-Tonlage "Lalala". Da, in der Kirche, hörte ich das erste Mal so richtig hin, wie die Leute um mich herum sangen: "Freue, freue dich, o Christenheit!" Ich sang mit ihnen. Das hatte nichts mehr von dem ironischen Lalala. Es war ernst gemeint. Und viel schöner.