Ich denke darüber nach, wie die Anzahl von Menschen mit ihren Rechten zusammenhängt. Dazu gehört auch, zu überlegen, wie das internationale Recht mit dem globalen Bevölkerungswachstum umgeht. Um 1900 lebten etwa 1,6 Milliarden Menschen, im Jahr 2000 waren es etwa 6,1 und heute sind wir 7,7 Milliarden. Mit diesem Wachstum gehen Fragen einher: Sind wir irgendwann zu viele? Was bedeutet "zu viele", was ist der Maßstab? Wer gilt wo als zu viel, und wer befindet darüber ? Heute gibt es einerseits einen unkritischen bevölkerungspolitischen Alarmismus und andererseits einen sehr technokratischen Umgang mit dem Thema in internationalen Foren. In meiner Forschung interessiert mich zunächst die jüngere Geschichte im Rahmen der Vereinten Nationen. Was waren die Kontroversen, und auf welche Leitlinien einigte man sich? So wurde bei der Weltbevölkerungskonferenz 1974 ein Aktionsplan verabschiedet, in dessen Folge zahlreiche Staaten Politiken einführten, um Geburtenraten zu verringern: eine internationale Vereinbarung mit erheblichen Auswirkungen. Heute richtet sich die Arbeit des UN-Bevölkerungsfonds vor allem darauf, Familienplanung zu ermöglichen und die Sicherheit von Geburten zu verbessern. Doch Fragen des Bevölkerungswachstums tauchen auch in Debatten zur Entwicklungs- und Migrationpolitik auf.

Für eine kritische Einordnung ist der Blick auf die Geschichte hilfreich. In Europa gingen Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum und Auswanderung seit dem 18. Jahrhundert Hand in Hand. Die Philosophin Hannah Arendt und der Soziologe Zygmunt Bauman haben die Produktion von Überflüssigkeit als Charakteristikum der Moderne beschrieben. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus ist auf Wachstum und das Erzeugen von Überfluss angelegt. Effizientere Produktionsabläufe bedingen, dass Menschen für bestimmte Tätigkeiten nicht mehr gebraucht werden. Die Wahrnehmung von Menschen als überflüssig ist aber immer gefährlich, und diese Erfahrung der Moderne prägt auch unseren Blick auf Bevölkerungszahlen.

Weiter interessiert mich, wie die Sorgen um das Bevölkerungswachstum und die Idee der Gleichheit aller Menschen zusammenhängen. Die europäische Geburtsstunde der Idee gleicher Rechte ist die Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen von 1789. Neun Jahre später warnt der britische Geistliche Thomas Malthus in seinem Essay on the Principle of Population vor einem Bevölkerungswachstum, mit dem die Versorgung an Lebensmitteln nicht Schritt halten könne. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen? Gesellschaftliche Freiheit ist auch der Verlust der Position in einer vorgegebenen Hierarchie; wenn Menschen sich als Gleiche verstehen, wird plötzlich wichtiger, wie viele es von diesen Gleichen gibt.

Wir sehen heute oft, dass als Teil einer Masse wahrgenommen zu werden mit der Beschränkung oder Gefährdung von Rechten einhergeht. Ich möchte kritisch beobachten, wo Rechte gefährdet sind, und aufzeigen, wie das internationale Recht dazu beitragen kann, die Debatten und Entscheidungen demokratischer zu gestalten. Die Fragen, die sich mit Blick auf die Anzahl von Menschen auf der Erde stellen, können wir letztlich nur gemeinsam beantworten – als Gleiche.