I. Zweifel am Urheber

Das Wort "abschreiben" kann mit vielerlei Bedeutungen aufwarten. Das reicht vom schlichten Kopieren eines Textes, den Anleihen aus dem Heft des Banknachbarn in der Schule bis zum Hinweis auf die Vergeblichkeit irgendeines Tuns: "Das kannst du abschreiben." Auch die Möglichkeit, Steuern zu mindern, kann es bedeuten. Wenn es aber um Kunst geht, meint es Zweifel am Urheber, die gewöhnlich mit einem Wertverlust einhergehen. Ein "Rembrandt", der abgeschrieben wird, also keiner mehr ist, büßt rund 90 Prozent des Wertes ein.

II. Rembrandt oder nicht?

Das berühmteste Beispiel solchen Abschreibens ist Der Mann mit dem Goldhelm. Lange galt er als ein Bravourstück Rembrandts. Damit war es nach den wissenschaftlichen Untersuchungen des Rembrandt Research Projects (RRP) vorbei. Die Ansicht darüber, wie viele Rembrandts es gibt, hat sich immer wieder verändert. Das erste Rembrandt-Werkverzeichnis von 1836 sprach ihm 588 Gemälde zu. Der Kunsthistoriker Wilhelm von Bode ließ davon 1883 nur noch 377 gelten. Seine Kollege Cornelis Hofstede de Groot meinte 1905, es seien 595. Und für Wilhelm Valentiner waren 1923 sogar 714 Gemälde von des Meisters Hand. Doch dann ging es wieder bergab. Bei Abraham Bredius reduzierte sich die Zahl der Bilder 1935 auf 613, bei Horst Gerson 1969 auf 420 und beim RRP blieben schließlich nur 240 Gemälde (sowie 80 mit Zweifeln) übrig.

III. Kein Dürer oder Bosch?

Ähnliches geschah mit dem niederländischen Maler Hieronymus Bosch. In seinem Werkkatalog von 2016 spricht ihm das Bosch Research and Conservation Project 21 Gemälde und vier Werkstattarbeiten zu. Die berühmte (Tisch-)Platte mit den Sieben Hauptsünden und Das Steinschneiden gelten seitdem nur noch als "Werkstatt oder Nachfolger". Der Prado in Madrid, dem die beiden Tafeln gehören, will das allerdings nicht gelten lassen. Dort firmieren sie weiterhin als Originale von Hieronymus Bosch.

Auch das Kleine Rasenstück und der Veilchenstrauß, denen man immer wieder in der Dürer-Literatur begegnet, werden seit einiger Zeit nicht mehr Albrecht Dürer zugeordnet, sondern einem anonymen Zeichner "deutsch, 2. Hälfte 16. Jhd.". Und bei der Untersuchung der rund 1150 Zeichnungen von Caspar David Friedrich stellte sich heraus, dass 115 gewiss und 28 wahrscheinlich nicht von ihm selbst stammen.

IV. Grenzen der Technik

Diese Abschreibungen basieren auf unterschiedlichen kunsttechnologischen Untersuchungen. So erlaubt etwa die Dendrochronologie, das Alter der Tafeln zu bestimmen. Pigmentanalysen verraten, ob Farben der Zeit verwendet wurden. Infrarot- und Röntgenaufnahmen können Unterzeichnungen sichtbar machen, UV-Fluoreszenzuntersuchungen Übermalungen. Trotzdem kann auf das kennerschaftliche Urteil und den Augenschein nicht verzichtet werden. Denn ein Zeitgenosse des berühmten Malers wird dieselben Materialien verwendet haben. Da enden dann die Möglichkeiten der Materialanalyse. Peter dittmar