Was will dieser Krebs bei uns? – Seite 1

Es dauert ungefähr drei Minuten, da ist der AfD-Arbeitskreis Umwelt in einer spätherbstlichen Vorstellungsrunde in Berlin bei seinem Lieblingsthema angelangt: den invasiven Arten. "Springkraut, Bärenklau, Kalikokrebse" – sie alle haben in den Augen des AfD-Bundestagsabgeordneten Rainer Kraft in Deutschland nichts verloren. Genauso die Wölfe. Schädelstudien an den Tieren, die inzwischen sogar in Mitteldeutschland wieder heimisch geworden sind, hätten ergeben, dass auch sie "Hybriden" seien, also keine schützenswerte einheimische Art. Da ist längst eine Obergrenze fällig, findet die AfD. "Solche eingebrachten Fremdarten haben anderswo ihre Habitate", erläutert Kraft den anwesenden Journalisten, "es wäre also keine Ausrottung, wenn man sie hier beseitigen würde."

Umwelt, Klima, Artenschutz – wer glaubt, all das friste in der AfD ein Nischendasein, der irrt. Die Ökologie ist, neben Migration und Euro-Rettung, längst zu einem der drei großen Durchlauferhitzer der AfD geworden. Es reicht schließlich, "Diesel" zu sagen, und schon platzt jedem zweiten Passanten auf der Straße der Kragen.

Ein Mann sein, Wurst essen, Auto fahren, Wölfe jagen, das alles hängt nicht nur für die AfD, sondern auch für befreundete europäische Rechtspopulisten mit Identität zusammen und hat längst den Status von Freiheitsrechten angenommen. "Kein Diesel ist illegal", lautet die Parole, die der ehemalige Daimler-Manager und AfD-Abgeordnete Dirk Spaniel ausgegeben hat, in Anlehnung an den im linken Milieu populären Slogan "Kein Mensch ist illegal".

Als der damalige polnische Außenminister Witold Waszczykowski 2016 vor einer "Welt aus Radfahrern und Vegetariern" warnte, mit ihrem "Mix aus Kulturen und Rassen", stieß das bei der AfD auf amüsierte Begeisterung. Umweltschutz ja – nur soll eben etwas anderes geschützt werden als bei den Grünen. Denen hielt der Abgeordnete Kraft vor: "Der CO₂-Abdruck eines Mitteleuropäers ist zehnmal so groß wie der eines Menschen in Afrika. Die eine Million, die Sie zu uns holen, erzeugen zehnmal so viel CO₂." Das "Eigene", die Heimat, vor dem Fremden bewahren – das ist das Leitmotiv der AfD.

Mit dem Umweltthema holte die AfD 2017 in der Lausitz ein Direktmandat

Das Thema hat Parteigrößen hervorgebracht, die es mit derselben Leidenschaft verfolgen wie ihr Lieblingsfeind Anton Hofreiter von den Grünen. Der Abgeordnete Karsten Hilse, umweltpolitischer Sprecher der Fraktion, ist einer von ihnen. "Mit Ihnen kritisch über Klimawandel reden", rief Hilse kürzlich im Bundestag zu Hofreiter hinüber, "das ist, als würde man in der Kirche an Gott zweifeln." Nichts spreche dafür, dass die Erderwärmung menschengemacht sei, auch wenn das die "Religion der Klimaschützer" sei, so behauptet er.

Der selbst ernannte Ketzer Hilse, 54, ist das umweltpolitische Gesicht der AfD, und es ist ein sehr selbstbewusstes Gesicht. Geboren in Hoyerswerda, aufgewachsen in der dörflichen Geborgenheit der Plattenbausiedlung Wohnkomplex II, Sohn überzeugter SED-Funktionäre, lernte Hilse erst Elektromonteur und ging dann zur Polizei. Nach der Wende hatte er es 1991 gleich mit den ersten fremdenfeindlichen Krawallen zu tun, als Neonazis ihn und seine Kollegen mit Molotowcocktails bewarfen, weil sie sich schützend vor ein Flüchtlingsheim stellten ("würde ich heute wieder genauso machen", meint Hilse). 1994 war er einmal Mr. Brandenburg und modelte eine Weile, fast hätte es zu Mr. Ostdeutschland gereicht. Quentin Tarantino heuerte ihn als Statist in Uniform für den Film Inglorious Basterds an.

Wenn Hilse im Bundestag gegen den Kohleausstieg zu Felde zieht, begleitet vom Wutgeschrei und Hohngelächter der anderen Fraktionen, sitzen auf den Rängen manchmal Kumpel aus der Lausitz und feiern ihn als ihren Star. Videoclips von seinen Auftritten machen in den Kohlekraftwerken die Runde. Die CDU fürchtet den beurlaubten Polizisten aus Hoyerswerda als einen derjenigen, die ihr im kommenden Jahr die Macht in Sachsen wegnehmen könnten. Und es ist das Umweltthema, mit dem Hilse bei der Bundestagswahl 2017 in Bautzen 33,2 Prozent der Erststimmen gewann und damit das Direktmandat holte.

Meine Fakten, deine Fakten

Wer mit Hilse durch das Lausitzer Bergbaurevier fährt, sieht ein Idyll. Tretboote, Sonnenterrassen, sogar ein Amphitheater an einem der riesigen Seen, die durch Flutung der Tagebaue entstanden sind. Aber die Dörfer, die hier waren, jahrhundertealte Kirchen und Gemeinschaften, die den Kohlebaggern weichen mussten – ist das nicht auch schützenswerte Heimat? Und was ist mit dem Kohlendioxid? Das Kraftwerk Jänschwalde pumpt 1200 Gramm pro Kilowattstunde davon in die Heimatluft, die Schwarze Pumpe in Hilses Wahlkreis belegt hinsichtlich der Emissionen Platz vierzehn in ganz Deutschland.

"Natürlich ist das bitter, wenn man seine Heimat verliert", sagt Hilse in seinem kleinen Bürgerbüro in der Altstadt von Hoyerswerda. Aber es sei heute möglich, ganze Dörfer so umzusetzen, dass man wieder neben seinen Nachbarn wohnen könne. Es müsse eben abgewogen werden: zwischen den Interessen der Verbraucher an billigem Strom und denen derer, die heimatlos werden.

Knapp 30.000 zum Teil sehr gut bezahlte Jobs hängen hier an der Kohle. "Die Leute haben wirklich was zu verlieren!", meint Hilse. Im Übrigen werde für Windkraft sehr viel mehr Wald gerodet als für Braunkohle. Außerdem seien die Grünen den Nachweis für einen Zusammenhang zwischen dem CO₂-Anstieg und der Klimaerwärmung bisher schuldig geblieben. "Eine Theorie, die nicht bewiesen ist, ist falsch", sagt Hilse, der in seinem Berliner Büro den Vizepräsidenten von EIKE beschäftigt – dem Europäischen Institut für Klima und Energie, das seit Jahren die Szene der Klimawandel-Leugner in Deutschland organisiert. "CO₂ ist kein Gift."

Meine Fakten, deine Fakten; mein Glaube, dein Glaube – seit die AfD im Bundestag ist, schwindet die Gesprächsgrundlage. Hilses Schlüsselsatz dazu lautet: "Niemand kennt die Wahrheit!" Dass die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler von einem menschengemachten Treibhauseffekt überzeugt ist, darin sehen Hilse und seine Mitstreiter nur ein weiteres "Meinungskartell", eine Religion, der man anhängt oder eben nicht. Kompromisse sind da schwer möglich.

In der Art, wie die AfD das Ökothema anpackt, steckt aber auch noch ein anderer wichtiger Charakterzug der Partei, von dem selten die Rede ist: ihr ungeheurer Fatalismus, was die Möglichkeiten der Menschen angeht, gemeinsam große Probleme zu lösen. Ihr ungnädiges Menschenbild. "Was nützt es", fragt Rainer Kraft, der Augsburger Bundestagsabgeordnete, dem das eingewanderte Springkraut so ein Dorn im Auge ist, "wenn Deutschland Milliarden für den Klimaschutz ausgibt, wo doch unser Anteil an den weltweiten Emissionen oder am Plastikmüll in den Weltmeeren so verschwindend gering ist?" Auch deshalb ist die AfD dafür, sofort aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen.

Kraft ist ein großer, kräftiger, schüchterner Mann in braunem Anzug. Der Chemiker ist als Kind mit seinen Eltern von München aus in die Berge gewandert. Sein Erweckungserlebnis: Pilze. Nicht anlangen!, hatte die Mutter gesagt. Andere Kinder hatten Popstars an den Wänden, Kraft kann sich noch immer an die Fotos vom Dunklen Hallimasch, vom Gold-Mistpilz oder vom Grauen Feuerschwamm erinnern. Bis heute faszinieren ihn Pilze. Sie sind mit allem zufrieden, wachsen überall, die Schnecken fressen sie. "Es gibt nichts Unnützes in der Natur, das macht nur der Mensch."

"Die Umweltbewegung war nie nur links"

Die deutsche Umweltpolitik, findet Kraft, kranke an zu viel Idealismus. "Wir haben ein Phantasma von Ordnung. Für jeden Lebensraum haben wir eine Liste, was da alles zu leben hat, vom Borkenkäfer bis zu den Vogelarten, auch da, wo die Natur eigentlich arm ist an Biodiversität." Er kann überhaupt nicht verstehen, dass Leute, die Umweltschutz wollen, die Grünen wählen. "Wie kann man sich von einer Partei, die so wenig Bezug zur Heimat hat, so wenig patriotisch ist, den Schutz von irgendetwas versprechen?"

Was für die Grünen früher der "Atomstaat" war, ist für die AfD heute der Migrationspakt

Diese Frage könnte ihm sein Parteifreund Götz Frömming beantworten. Wenn es in der AfD jemanden gibt, der ein politischer Neophyt ist, eine eingewanderte Art, dann ist es der Berliner Abgeordnete Frömming. Denn er kommt von dort, wo die AfD heute ihren größten, mit Inbrunst und Ekel gehassten Feind hat: von den Grünen.

Der engagierte Lehrer hat die Partei 25 Jahre lang gewählt und war Mitglied beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Bayern. Aber für Frömming, einen der Parteiintellektuellen, in dessen Berliner Wohnung in Prenzlauer Berg seit Langem die Programme der AfD geschrieben werden, ergibt die Verbindung von Grün und Blau absolut Sinn. Der Studiendirektor kann ins Schwärmen kommen, wenn er an die frühen Jahre der Grünen denkt. Man war Teil einer Bewegung, die vom Establishment verspottet und bekämpft wurde – ganz wie heute die AfD! Im grünen Milieu gründeten sie damals eigene Läden, überall entstanden kleine Widerstandsnester. Am Wochenende ging man in den Wald und zählte die Vögel, pflanzte Streuwiesen. Das Waldsterben raubte einem den Schlaf. "Die Umweltbewegung war nie nur links", sagt Frömming, das ist ihm wichtig. In den Gründerjahren gab es noch konservative Grüne wie Herbert Gruhl oder Enoch zu Guttenberg, bei denen sich die Gleichung Naturschutz = Heimatschutz = Volksschutz schon zur Warnung vor der "Vermischung von Kulturen", Massenzuwanderung und westlichem Lebensstil addierte. Ein wohltätiger Sponsor, der dem BUND Computer spendieren wollte, bat damals schon: "Kümmert euch um das Thema Zuwanderung! Wenn hier immer mehr Leute aus Afrika kommen, die brauchen’s warm! Dann müssen die so viel heizen! Ihr wisst ja, was das für den Wald bedeutet!"

Damals wie heute sieht sich Frömming als Teil einer Bewegung, die von der "Sorge um unsere Heimat" angetrieben wird. Was damals der "Atomstaat" war, so Frömming, das sei heute der Migrationspakt; wieder ein Riesenprojekt, eine große Transformation, der alles geopfert werde: die Landschaft, die Freiheit, die Sicherheit derjenigen, die "schon immer" hier leben. Von den Grünen hat er sich verabschiedet, als sie in der Regierung die ersten Kriegseinsätze beschlossen und Konzessionen beim Umweltschutz machten.

Doch richtig glatt geht die Rechnung Grün plus Blau auch für Frömming nicht auf. Dass ganze Dörfer in der Lausitz plattgemacht werden für eine Technologie, deren Tage gezählt sind, das findet Frömming "absurd". Er spricht es nicht direkt aus, aber ob ein Grüner wie er heute noch einmal in die AfD eintreten würde, ist alles andere als sicher. Andererseits: Ein Studiendirektor, der für die AfD im Bundestag gesessen hat – wer soll den noch an seinem Gymnasium einstellen? Frömming hat die Brücken hinter sich abgebrannt, so wie viele seiner Parteifreunde. Jetzt heißt es die Reihen schließen, alles geben für 2019. Im Osten, wo der Wolf schon ganz nah ist, wird gewählt.

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