Die deutsche Umweltpolitik, findet Kraft, kranke an zu viel Idealismus. "Wir haben ein Phantasma von Ordnung. Für jeden Lebensraum haben wir eine Liste, was da alles zu leben hat, vom Borkenkäfer bis zu den Vogelarten, auch da, wo die Natur eigentlich arm ist an Biodiversität." Er kann überhaupt nicht verstehen, dass Leute, die Umweltschutz wollen, die Grünen wählen. "Wie kann man sich von einer Partei, die so wenig Bezug zur Heimat hat, so wenig patriotisch ist, den Schutz von irgendetwas versprechen?"

Was für die Grünen früher der "Atomstaat" war, ist für die AfD heute der Migrationspakt

Diese Frage könnte ihm sein Parteifreund Götz Frömming beantworten. Wenn es in der AfD jemanden gibt, der ein politischer Neophyt ist, eine eingewanderte Art, dann ist es der Berliner Abgeordnete Frömming. Denn er kommt von dort, wo die AfD heute ihren größten, mit Inbrunst und Ekel gehassten Feind hat: von den Grünen.

Der engagierte Lehrer hat die Partei 25 Jahre lang gewählt und war Mitglied beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Bayern. Aber für Frömming, einen der Parteiintellektuellen, in dessen Berliner Wohnung in Prenzlauer Berg seit Langem die Programme der AfD geschrieben werden, ergibt die Verbindung von Grün und Blau absolut Sinn. Der Studiendirektor kann ins Schwärmen kommen, wenn er an die frühen Jahre der Grünen denkt. Man war Teil einer Bewegung, die vom Establishment verspottet und bekämpft wurde – ganz wie heute die AfD! Im grünen Milieu gründeten sie damals eigene Läden, überall entstanden kleine Widerstandsnester. Am Wochenende ging man in den Wald und zählte die Vögel, pflanzte Streuwiesen. Das Waldsterben raubte einem den Schlaf. "Die Umweltbewegung war nie nur links", sagt Frömming, das ist ihm wichtig. In den Gründerjahren gab es noch konservative Grüne wie Herbert Gruhl oder Enoch zu Guttenberg, bei denen sich die Gleichung Naturschutz = Heimatschutz = Volksschutz schon zur Warnung vor der "Vermischung von Kulturen", Massenzuwanderung und westlichem Lebensstil addierte. Ein wohltätiger Sponsor, der dem BUND Computer spendieren wollte, bat damals schon: "Kümmert euch um das Thema Zuwanderung! Wenn hier immer mehr Leute aus Afrika kommen, die brauchen’s warm! Dann müssen die so viel heizen! Ihr wisst ja, was das für den Wald bedeutet!"

Damals wie heute sieht sich Frömming als Teil einer Bewegung, die von der "Sorge um unsere Heimat" angetrieben wird. Was damals der "Atomstaat" war, so Frömming, das sei heute der Migrationspakt; wieder ein Riesenprojekt, eine große Transformation, der alles geopfert werde: die Landschaft, die Freiheit, die Sicherheit derjenigen, die "schon immer" hier leben. Von den Grünen hat er sich verabschiedet, als sie in der Regierung die ersten Kriegseinsätze beschlossen und Konzessionen beim Umweltschutz machten.

Doch richtig glatt geht die Rechnung Grün plus Blau auch für Frömming nicht auf. Dass ganze Dörfer in der Lausitz plattgemacht werden für eine Technologie, deren Tage gezählt sind, das findet Frömming "absurd". Er spricht es nicht direkt aus, aber ob ein Grüner wie er heute noch einmal in die AfD eintreten würde, ist alles andere als sicher. Andererseits: Ein Studiendirektor, der für die AfD im Bundestag gesessen hat – wer soll den noch an seinem Gymnasium einstellen? Frömming hat die Brücken hinter sich abgebrannt, so wie viele seiner Parteifreunde. Jetzt heißt es die Reihen schließen, alles geben für 2019. Im Osten, wo der Wolf schon ganz nah ist, wird gewählt.

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