Braucht Deutschland eine deutsche Bank? Um diese Frage geht es, wenn nun Gerüchte über eine Großfusion im Finanzgewerbe unter Beteiligung der Deutschen Bank und der Commerzbank für Aufregung sorgen. Es ist keine einfache Frage. Man kann zum Beispiel argumentieren, dass es in anderen Ländern schon genügend Banken von Weltrang gibt, die auch deutschen Unternehmen und Haushalten offenstehen. So wie man argumentieren kann, dass Deutschland nicht unbedingt eine Internetsuchmaschine von Weltrang benötigt, weil man sich schließlich auch mit amerikanischen Suchmaschinen im Internet ganz gut zurechtfindet.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) aber ist der Meinung, dass das, was für Suchmaschinen, Schützenpanzer oder Saftpressenhersteller gelten mag, für Banken nicht unbedingt gilt. Er glaubt, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt mindestens ein "starkes, weltweit agierendes Geldinstitut" benötigt, beispielsweise damit deutsche Unternehmen bei ihren geschäftlichen Aktivitäten im Ausland einen Partner für finanzielle Angelegenheiten an ihrer Seite haben.

Im Ministerium fühlt man sich durch die globalen Erschütterungen der vergangenen Monate in dieser Sichtweise bestätigt. Denn wenn der Aufstieg von Donald Trump eines gezeigt hat, dann dies: Auf alte Allianzen kann sich Deutschland nur noch bedingt verlassen, und auch vermeintlich unpolitische Vorgänge wie eine simple Überweisung können zum Gegenstand einer politischen Auseinandersetzung werden.

Beim Thema Iran beispielsweise verweigerten deutsche Banken ihre Dienste, nachdem die Amerikaner Sanktionen gegen das Land verhängt hatten. In der Folge mussten auch deutsche Unternehmen ihr Engagement beenden, weil sie das im Iran verdiente Geld nicht mehr zurück in die Heimat holen konnten. Man braucht nicht sehr viel Fantasie, um sich auszumalen, was ein amerikanischer Präsident ohne jeden Skrupel alles anstellen könnte, wenn deutsche Unternehmen auf amerikanische Banken angewiesen wären, um ihren Kreditbedarf zu decken. Er könnte etwa dafür sorgen, dass Volkswagen der Geldhahn zugedreht würde, um einen ungeliebten Konkurrenten für die amerikanische Automobilindustrie auszuschalten.

Wenn man diese Bedrohungslage akzeptiert, gibt es mit Blick auf die Deutsche Bank keine einfachen Lösungen mehr. Denn klar ist: Das größte deutsche Kreditinstitut steckt in Schwierigkeiten. Der Aktienkurs ist abgestürzt, die Investoren sind nervös. Die Deutsche Bank steht zwar nicht vor der Pleite, aber es ist unklar, wie sie künftig genug Geld verdienen soll, um international vorn dabei zu sein. Das Problem könnte aus der Welt geschafft werden, wenn sich ein ausländisches Institut die Bank einverleibte. Wenn die Vorgabe allerdings lautet, dass die Deutsche Bank eine deutsche Bank mit Sitz in Frankfurt bleiben muss, geht das nicht. Ein Zusammenschluss mit der Commerzbank hätte aus dieser Perspektive durchaus Charme – und natürlich ist darüber im Finanzministerium nachgedacht worden. Die Gerüchte sind also nicht erfunden. Das Argument, das von den Anhängern dieser Lösung vorgebracht wird, geht ungefähr so: Beide Institute müssen Arbeitsplätze abbauen, Filialen schließen und Abläufe neu organisieren, um wieder wettbewerbsfähig zu werden.

Wenn aber ohnehin schon saniert wird, warum dann nicht gleich richtig zur Sache gehen und eine neue Großbank formen, die Deutschland ein Mindestmaß an finanzieller Souveränität sichert? Über Scholz ist jedenfalls bekannt, dass er es durchaus für legitim hält, wenn sich der Staat hin und wieder aktiv ins Wirtschaftsgeschehen einmischt – das gilt auch für den Finanzsektor. Im Unionslager hätte eine solche Lösung wohl ebenfalls Unterstützung.

Die Schwierigkeiten eines industriepolitisch motivierten Zusammenschlusses liegen allerdings auch auf der Hand. Das fängt damit an, dass die Vorstandschefs der beiden Institute keine Lust auf eine Fusion haben. Sie sind damit beschäftigt, im eigenen Haus aufzuräumen, und fürchten, dass ihnen die Kontrolle entgleitet, wenn sie auch noch aus zwei Banken eine machen müssen. Sie fürchten zudem, dass dann mindestens einer von ihnen seinen Job verlieren wird.

Der Bund kann die Banker aber nicht so einfach zu ihrem Glück zwingen. Dazu müsste er seine Beteiligung an der Commerzbank aufstocken und auch bei der Deutschen Bank zum Großaktionär werden. Das kostet nicht nur Geld, sondern müsste von der Europäischen Kommission abgesegnet werden, die einen Staatseinstieg vermutlich als unerlaubte Beihilfe werten würde. Auch die ebenfalls auf der europäischen Ebene angesiedelte Bankenaufsicht müsste von der Sinnhaftigkeit der Angelegenheit überzeugt werden.

Und selbst wenn es gelänge, im Finanzministerium durch lange Gespräche mit allen Beteiligten eine Fusion politisch zu orchestrieren, gibt es keine Garantie, dass das Kalkül aufgeht. Durch einen Zusammenschluss könnten die beiden Institute zwar Kräfte bündeln und Kosten sparen. Aber bis es so weit ist, bindet eine Fusion viele Energien. In einer Zeit, in der sich durch die Digitalisierung das Bankgeschäft rasend schnell verändert, wäre die neue deutsche Bank vor allem mit sich selbst beschäftigt. Und wenn die Sache schiefginge, würde dafür schnell derjenige verantwortlich gemacht, der sie eingefädelt hätte: Olaf Scholz. Er würde auch zur Zielscheibe der Proteste wütender Bankangestellter, deren Filialen geschlossen würden.

Mit anderen Worten: Die möglichen politischen Kosten einer Fusion wären enorm. Weshalb man in Berlin hofft, dass die Banker selbst einen Weg aus dem Schlamassel finden. Wenn nicht, dann würde man die Chefs wohl doch zum Gespräch ins Ministerium bitten.