DIE ZEIT: Herr Borghi, Sie sind ein bekannter Euroskeptiker und kritisieren immer die strikten Regeln der EU. Nun kommt Italien der EU im Haushaltsstreit plötzlich entgegen. Das dürfte Ihnen nicht gefallen, oder?

Claudio Borghi: Das hängt davon ab, wie es ausgeht. Die Regierung wollte aber nie aus Prinzip gegen die EU handeln. Wir wollen der EU nicht den Krieg erklären. Wollten wir das, hätten wir gleich ein Haushaltsdefizit von über drei Prozent angekündigt.

ZEIT: Das italienische Parlament hatte 2,4 Prozent fürs kommende Jahr beschlossen, die Regierung betonte, dass weniger nicht geht. Nun geht es mit 2,04 Prozent doch. Ist die Regierung umgekippt?

Borghi: Nein. Es war aber immer klar, dass unsere Reform der Pensionen und das Grundeinkommen nicht gleich zu Anfang des Jahres 2019 greifen. Deshalb gibt es eine Ersparnis, die aber bislang noch nicht einkalkuliert war. Wenn die nun reicht, um einen Deal zu finden, dann ist das in Ordnung.

Claudio Borghi berät Vizepremier Matteo Salvini. © Annette Schreyer für DIE ZEIT

ZEIT: Es soll wirklich gehen, dass alle Reformen bleiben und trotzdem das Defizit sinkt?

Borghi: Ich weiß es nicht.

ZEIT: Aber was denken Sie?

Borghi: Es geschieht gegen meinen Rat. Aber so ist das Leben. Ich hatte gesagt: Unter 2,2 Prozent Defizit wird es sehr schwierig, unsere Versprechungen zu erfüllen. Das war meine rote Linie. Aber ich bin nicht der Ministerpräsident.

ZEIT: Sie sind ein enger Berater seines Stellvertreters Matteo Salvini. Ist er zufrieden?

Borghi: Wahrscheinlich nicht, aber es ist eine schwierige Entscheidung. Wir reden über rund sechs Milliarden Euro weniger. Viel Geld. Wie sollen wir das sparen? Zum Beispiel so: Bei den Pensionen haben wir bislang alle Menschen eingerechnet, die in Frührente gehen dürfen. Es werden aber nicht alle diesen Anspruch geltend machen.

ZEIT: Das klingt wie ein Zaubertrick. Sie ändern bloß die Annahmen, nicht die Ausgaben. Und warum überhaupt Neuverschuldung? Italien ist hoch verschuldet.

Borghi: Ich bin überzeugt, dass Italien mehr Nachfrage aus dem Inneren braucht, also eine Atempause für unsere Industrie. Dafür müssen die Haushalte mehr ausgeben, und es muss investiert werden. Wenn wir zu wenig neue Schulden aufnehmen, dann werden wir diesen Effekt nicht sehen. Stattdessen kühlt die Wirtschaft ab. Und das stärker als zuletzt, weil jetzt auch noch die Weltwirtschaft schwächelt. Das wird auch ein Problem für Deutschland sein. Export ist wunderbar, aber er ist kein Modell für alle Länder.

ZEIT: Italien sollte Deutschland nicht nacheifern?

Borghi: Nein, denn ein Modell sollte auf jeden anwendbar sein. Und eines ist todsicher: Die Handelsbilanz der Welt, also alle Exporte minus alle Importe, ist null. Glauben Sie mir!

ZEIT: Sich immer höher zu verschulden ist doch auch keine Lösung.

Borghi: Italien hat in den vergangenen Jahren ab 2011 mehr konsolidiert als der Rest Europas. Und was war der Effekt? Unsere Wirtschaft brach stark ein. Nach der Austeritätspolitik gab es 13 Quartale Rezession, 13 Quartale!

ZEIT: Sie glauben, das Sparen war der Grund dafür?

Borghi: Ja.