An seinem letzten Arbeitstag vor den Weihnachtsferien hat der Berliner Kultursenator Klaus Lederer noch schnell eine Ära beendet: Nach einem recht schmutzigen Hin und Her hat sein Senat sich mit Hubertus Knabe, dem bisherigen Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, auf einen Vergleich geeinigt. Knabe, der wohl mächtigste und gleichzeitig umstrittenste Hüter über die Aufarbeitung von DDR-Unrecht, wird nach 18 Jahren nicht mehr an seinen Schreibtisch zurückkehren. Lederer klingt erschöpft und froh zugleich. Und gestattet sich dennoch keinen triumphierenden Satz. Ein Triumph nämlich würde einem Politiker der Linkspartei in so einer Angelegenheit nicht gut anstehen.

Im Gegenteil, Lederer sagt: "Ich hoffe, dass es jetzt gelingt, die Arbeit wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Denn gerade heute ist es wichtig, über die Strukturen und die Funktionsweise autoritärer Herrschaft aufzuklären, über gebrochene Biografien und verfolgte Dissidenz." Außerdem, so Lederer, "über die Frage, wie es geschah, dass eine humanistische Idee auf so perfide Weise pervertiert werden konnte, und zu vermitteln, dass Demokratie, Freiheit und Menschenrechte niemals zur Disposition stehen dürfen."

So klingt Linkspartei heute. So redet kein Alt-Stalinist. So denkt einer aus dem Osten, der beim Mauerfall 15 Jahre alt war.

Dass Hubertus Knabe die Gedenkstätte Hohenschönhausen verlassen muss – das wollten er und seine Unterstützer wie eine politische Intrige aussehen lassen. Über Monate betrieben sie eine kontroverse, ziemlich ideologische und mitunter reichlich abstruse Auseinandersetzung. Stellungnahmen wurden geschrieben, Gerichte angerufen, Zeitungsartikel lanciert. Lederer wolle Knabes Lebenswerk zerstören, so könnte man die Stimmen zusammenfassen. Die Welt schrieb: "Der Umgang mit Knabe ist Stalinismus pur." Das passte schließlich gut ins Bild. Ein Linker, der den SED-Aufklärer aus dem Amt werfen will. Aber es traf mit Lederer nur den Überbringer der schlechten Nachricht.

Klaus Lederer ist Berliner Kultursenator für die Linkspartei. © Stefan Boness/Ipon

Man vergisst, dass es eigentlich um etwas anderes gegangen war: Der Grund für Knabes Freistellung Ende September war nämlich ein Fall von #MeToo. Mehrere Frauen hatten sich bereits im Juni beim Berliner Senat über eine "erschreckende Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster" und ein "Frauenbild der Fünfzigerjahre" in der Gedenkstätte beschwert. Struktureller Sexismus, lautete der Vorwurf. Und weil sie diese Beschwerde konkret und detailliert gegenüber dem Stiftungsrat darlegen konnten, wurde nicht nur der stellvertretende Gedenkstättenleiter Helmuth Frauendorfer, dem die Vorwürfe größtenteils galten, sondern dann auch Knabe selbst von seinen Leitungstätigkeiten entbunden. Offenbar konnte Knabe nicht den Eindruck vermitteln, einen Kulturwandel einleiten zu wollen. So entschied sich der Stiftungsrat, dem neben Lederer auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) angehört, einstimmig für seine Absetzung.

Zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit diesen Vorwürfen ließ es Knabe zu keinem Zeitpunkt kommen. Eher ging es ihm darum, die #MeToo-Vorwürfe wie eine Petitesse, einen willkommenen Vorwand erscheinen zu lassen, um ihn, den stets Unbequemen, loszuwerden. Alte Koalitionen um Knabe hätten sofort einen Richtungsstreit in der Aufarbeitung ausgerufen, sagt Birgit Neumann-Becker. Sie sitzt als Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ebenfalls im Stiftungsrat und entschied über seine Absetzung mit.

Ausgerechnet Knabe, der sich stets als unermüdlicher Anwalt der Opfer von DDR-Unrecht empfohlen hatte, zeigte offenbar kaum Verständnis für die Situation der an der Gedenkstätte in verschiedenen Funktionen beschäftigten Frauen, die sich belästigt fühlten? Ja: Er, der sein Leben der Ahndung von Tätern verschrieb, besaß offenbar ein nur eingeschränktes Sensorium dafür. Das sexistische Arbeitsklima in der Gedenkstätte, sagen Eingeweihte, sei ein offenes Geheimnis gewesen. Selbst die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, die wahrlich nicht im Verdacht steht, mit der Linkspartei zu sympathisieren, wies den Intrigen-Vorwurf in mehreren Interviews zurück.

Immer stärker isoliert

Aber weil Knabes Unterstützer selbst seine Entlassung zu einem Politikum machten, muss man jetzt sagen: Die politischen Folgen seines Abschieds sind tatsächlich immens. Hier verlässt der bekannteste Vertreter einer Generation von DDR-Aufarbeitern die Bühne. Jener – von Westdeutschen geprägten – Generation, die in den Neunzigern vor allem ein Interesse hatten: die Härten der DDR-Diktatur ins Zentrum zu stellen, einen streng antikommunistischen Blick auf die Geschichte dieses Landes zu werfen.

Noch einmal wurden im Kampf um seine Absetzung jetzt jene eingespielten und in der Vergangenheit höchst erfolgreichen Rituale zur Aufführung gebracht, derer Knabe sich oft zu bedienen wusste: Viele, die sich seiner antikommunistischen Gedenkstättenpolitik kritisch näherten, wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, DDR-Unrecht verharmlosen zu wollen. So diktierte Knabe jahrelang den Ton, setzte die Maßstäbe, immunisierte sich gegen Kritik. Und seine Vorwürfe trafen auch kundige Historiker und ehemalige Bürgerrechtler, die anders als der aus Westfalen stammende Knabe DDR-Unrecht am eigenen Leib erfahren hatten. Knabe wurde so als übermächtig wahrgenommen.

Hubertus Knabe leitete 18 Jahre die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen. © Paul Zinken/dpa

Er selbst hat die DDR dabei mit dem "Dritten Reich" wenn schon nicht verglichen, so doch oft in einem Atemzug genannt. Schon länger fordern Historiker, den Blick auf die DDR zu weiten. Ein Land, das in seinen Anfangsjahren zweifellos stalinistischen Terror praktizierte, aber gerade in der Honecker-Ära differenzierter betrachtet werden sollte: Unfreiheit, aber Industrienation. Repressiver Charakter, aber ein Alltagsleben, das bislang zu wenig beachtet wurde.

Weil vielen Aufarbeitern der ausschließlich antikommunistische Blick auf die DDR nicht mehr ausreicht, war Knabe in der Szene immer stärker isoliert. Nur so ist zu erklären, dass etwa auch Dieter Dombrowski, Mitglied im Stiftungsrat und Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände, für seine Absetzung votierte. Dombrowski war 2009 in seiner einstigen Häftlingskleidung vor dem Brandenburger Landtag erschienen, um so gegen die rot-rote Koalition von Matthias Platzeck zu demonstrieren. Nun stellt sich auch so einer gegen Knabe.

Nie zuvor hatte ein Beteiligter ein offenes Wort gegen Knabe gewagt. Man hielt mehr oder weniger zusammen. "Es herrscht in der Aufarbeitungsszene noch immer ein festes Band der Loyalität, zwar zeigten sich Bruchlinien stärker, aber ernsthaft äußern will sich niemand", sagt Ilko-Sascha Kowalczuk; der Historiker gilt als ein Protagonist der Aufarbeitungsszene. Das führte zu einer Verkapselung und beinahe narzisstischen Selbstbeschäftigung der gesamten Szene. Aber es bricht auf. Die Frauen, die sich nun gegen das Arbeitsklima an der Gedenkstätte gewehrt haben, brachten letztlich, wahrscheinlich ungewollt, ein ganzes Gebäude zum Einsturz.

Knabes Abgang, zweifellos eine Zäsur, hat nun gezeigt, dass die alten Rituale nicht mehr funktionieren. Das ist die gute Nachricht der vergangenen Wochen. Jahre der Stagnation und, wie gesagt, Verkapselung: Könnte es sein, dass sie enden? Dass DDR-Aufarbeitung in Zukunft pluraler organisiert, nicht länger nur politisch motiviert stattfindet? Ilko-Sascha Kowalczuk fordert, sie müsse von einer jüngeren Generation übernommen werden, damit sich wirklich etwas ändere.

Lesen Sie hier im Exklusiv-Interview, wie sich die Frauen von Hohenschönhausen gegen Sexismus am Arbeitsplatz gewehrt haben.