Okay, Weihnachtszeit, viel zu tun, wenig Zeit. Dienstagnachmittag in der demokratischen Luxus-Trash-Zentrale Douglas, ganz Deutschland und insbesondere Frauen rennen hier rein und raus, so auch ich, und zwar aus irgendwelchen masochistischen guilty pleasure-Gründen, die noch rauszufinden sind.

Man betritt einen brutalen Lichtpalast, in dem permanent und auf jedes Sinnesorgan geschossen wird. Alles strahlt und brennt und leuchtet: die Lichter, der Christbaumschmuck (dieses Jahr grün-weiß-gold), die Gesichter der Models auf den Werbetafeln, die beleuchteten Spiegel, die goldenen, silbernen und rot glänzenden Produktoberflächen, die von diesen Spiegeln zurückgeworfen werden, und die lackierten Fingernägel der Verkäuferinnen.

Es läuft I’m like a bird von Nelly Furtado, es ist zu heiß, die Luft zu trocken, es ist entsetzlich. Von überallher riecht es nach süß, Geruch und Trockenheit beißen sich in der Nase fest und gelangen in den Mund, wo man sie runterschluckt. Es riecht nach Frau, die gerade gegangen ist, nach Mutter, die heute Abend ausgeht, oder nach Flugbegleiterin, die an einem vorbeigelaufen ist und die man als Kind immer so bewundert hat für das Haarspray in ihren steifen Haaren, das Puder, den Lippenstift, die klackernden Absätze und das Parfüm (häufig Chanel No 5 oder Opium). Ich liebe diesen Geruch und wahrscheinlich sogar Douglas, denn diese Parfümerie-Kette sieht immer gleich aus, funktioniert immer gleich, überall, in jeder Innenstadt und könnte insofern als "niedrigschwellig" bezeichnet werden, wie man in Bezug auf soziale Arbeit (Telefonseelsorge, Bahnhofsmission) oder demokratische Partizipationsprozesse häufig sagt. Man kann ganz leicht mitmachen, man muss dafür nichts wissen oder können, man braucht nur ein bisschen Geld, um mitten im Licht zu stehen.

Es riecht nach Flugbegleiterin, die man als Kind immer so bewundert hat.

Nach wenigen Schritten wird man bereits von den Douglas-Verkäuferinnen erfasst, die sofort zu lauern beginnen, wenn eine Kundin den Laden betritt. Schwarz gekleidet, die Hände auf dem Rücken, in kreisenden Bewegungen auf und ab schreitend, nehmen sie dich augenblicklich ins Visier und nicken freundlich mit dem Kopf. Gleich geht es los, gleich bin ich dran, ein paar Höflichkeitsminuten geben sie mir noch, in denen das Licht gnadenlos weiter strahlt. Es bestrahlt die glatten Oberflächen in der Douglas-Filiale, die makellos sind, weswegen man den Spiegeln und den anwesenden Menschen besser nicht ins Gesicht sieht, weil sie im Vergleich zur Douglas-Oberfläche einfach lächerlich organisch aussehen, wovon man immer total mitgenommen ist und augenblicklich beschließt, etwas gegen sich und diesen verfallenden Scheißkörper zu tun, und das ist ja basically auch die Idee hier. Meterweise Regale mit unzähligen Frauen-Produkten, die alle sagen: "Du bist zwar defizitär, aber du kannst was dagegen tun, Schatzi."

Ich brauche natürlich exakt nichts, muss jedoch irgendwie diesen gestört anstrengenden Arbeitstag verarbeiten, in dessen Verlauf ich lauter sinnlose Dinge getan habe und außerdem ein unwichtiger Mensch war, der fortwährend schlecht behandelt wurde (vom Wetter, der Kreditkarten-Hotline, Menschen haben meine Mails nicht beantwortet, Kontostand scheiße und so weiter). Der Plan ist nun, diese narzisstische Kränkung durch die Tätigung eines Kaufs zu kompensieren, um ein wenig Selbstwirksamkeit zu generieren und der Welt da draußen zu beweisen, dass mit mir auf jeden Fall zu rechnen ist, weswegen der Karl Marx in mir zusammen mit den Kollegen von der Frankfurter Schule dann kurz rumpoltert, aber wirklich nur kurz, mehr wie vom Band und am Ende tatsächlich eher mit motivierendem Effekt. Denn mit Marx und der Kritischen Theorie im Kopf kann man natürlich noch viel defätistischer, also härter shoppen, das ist ein bisschen wie selbstverletzendes Verhalten.

Der Plan ist nun, noch mehr sinnlose Dinge zu tun und sich wahllos ansprechen und zum Kaufen bewegen zu lassen von den Douglas-Verkäuferinnen, die mich bis jetzt natürlich keine Sekunde aus den Augen gelassen haben. Sie riechen nach viel Parfüm und sind in der Regel stark geschminkt, so stark, dass es ihr Make-up schafft, das Licht zu besiegen. Viele von ihnen tragen ein Schlüsselband mit einer Karte um den Hals, außerdem einen Gürtel, an dem eine große Tasche mit Schminkutensilien hängt (darin unendlich viele Pinsel in unterschiedlichen Größen), und beides schleift sofort eine Hollywood-VIP-Assoziation hinter sich her, die eine Aura von Kennerschaft und Professionalität vermittelt.