Von Annegret Kramp-Karrenbauer, der CDU-Vorsitzenden, stammt das geflügelte Wort, die Union sei "als Volkspartei das letzte Einhorn in Europa". Das Fabeltierhafte lässt sich auf vieles beziehen: aufs C im Parteinamen und die Renaissance des innerparteilichen Dialogs, aufs Volk – und natürlich auf die "Frauenfrage". In der Tat ist die CDU weithin die einzige Partei, die nach 18 Jahren weiblicher Führung nicht nur erneut eine Frau an die Spitze gewählt hat, sondern sich zudem anschickt, zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Kanzlerin zu stellen. Und das ist jetzt keine Erfindung von Alice Schwarzer, sondern die knallharte Umfragerealität vom Wochenende. Der alte weiße Mann ist tot, es leben die älteren weißen Frauen?

Deutschland hat jedenfalls die Nase vorn. Zum Vergleich: In England fanden zwischen Margaret Thatcher und Theresa May vier ausgewachsene männliche Premierminister Platz; in Frankreich ist außer der Première dame "Bibi" Macron und Marine Le Pen (im Wartestand) wenig Weibliches in Sicht; in Italien tummeln sich Frauen höchstens auf kommunaler Ebene, als junge, extrem gut aussehende Bürgermeisterinnen; in Polen ist Beata Szydło aus der ersten in die zweite Reihe abgerutscht; in der Ukraine redet man zwar wieder öfter von Julia Timoschenko, der Frau mit dem Brezenzopf, weiß aber, dass Putin persönlich ihre Rückkehr verhindern wird; und selbst in Skandinavien und im Baltikum, traditionellen Hochburgen der Fortschrittlichkeit, liegen die Geschicke vorübergehend in Männerhand. Allerdings nicht in Litauen, wo Dalia Grybauskaitė ihre zweite Amtszeit als Staatspräsidentin genießt; und in Norwegen nicht, wo Erna Solberg regiert, die "Eiserne Erna". Wobei sich das "Eiserne" weniger der Anlehnung an Maggie Thatcher verdankt als einer rigorosen Einwanderungspolitik.

Grybauskaitė hat einen schwarzen Gürtel in Karate, May eine Vorliebe für Ballerinas im Leopardenlook und Kramp-Karrenbauer das ergiebigste Namenskürzel von allen. Und es gibt drei Dinge, die sie unverbrüchlich einen: die konservative Gesinnung, das emanzipatorische Projekt und eine sublimierte Weiblichkeit. Aus dem "Spiel der Geschlechter" haben sich die meisten mächtigen Frauen qua Alter und Hormonstatus verabschiedet. Dass genau das eine der Triebfedern ihres Erfolgs sein könnte, wird ihnen von den Männern, denen sie die Macht genommen haben (oft vor den Augen junger Frauen!), am allerwenigsten verziehen. Während Gerhard Schröder fünfmal heiratet, zeigt Angela Merkel in ihrer Karriere nur einmal etwas mehr Ausschnitt – und dann nie wieder. Dafür steigt sie aus der Atomkraft aus und peitscht die Ehe für alle durchs Parlament. Mit Hosenanzug und Betonfrisur.

So viel Entemotionalisierung wird geahndet, auch oder gerade 2018. Kaum wird AKK als Parteivorsitzende gewählt, widmen sich ganze Talkshows der Frage, ob sie die Kraft für Visionen habe. Kaum schraubt Theresa May bei den Brexit-Verhandlungen in Brüssel ihre Taille über meterlangen Beinen optisch noch ein Stückchen höher, zeigen Karikaturen, wie sie, am Boden liegend, von Männerstiefeln zertreten und zertrampelt wird. Ein Boris Johnson, mit Verlaub, hätte sich in ihrer politischen Situation längst aufgeknüpft oder die Kugel gegeben. Oder beides.

Der alten weißen Frau, die es nun richten soll, wird also wenig Euphorie entgegengebracht. Die Linken, die sich bei der Weltverbesserung tragischerweise von rechts haben überholen lassen, sehen in ihr die letzte Flaschenpost des Neoliberalismus, von immer mächtigen Fürsten der kapitalistischen Finsternis entsandt. Andere, vorzugsweise die ganz Rechten, werfen ihr nicht nur den Paragrafen 219a vor oder den Eintrag eines "diversen" dritten Geschlechts ins Geburtenregister, sondern Vermännlichung an sich und damit Verrat an Kindern, Küche, Kirche. Bald wird die AWF – wie einst der AWM – an allem schuld sein. Auf dem besten Weg zur Diskursmetapher befindet sie sich bereits. Spätestens dann werden wir es bereuen, das Einhorn, das eine konservative Emanzipation denken konnte, nicht pfleglicher behandelt zu haben.

In einer früheren Fassung des Artikels war fälschlicherweise von Elsa Solberg die Rede. Die Ministerpräsidentin von Norwegen heißt tatsächlich Erna Solberg. Wir haben das korrigiert und danken für den Hinweis.