Halten Angela Aukthun und Sylvio Napp ihre Ausbildung zur Altenpflegerin und zum Erzieher durch? Die ZEIT wird sie weiterhin begleiten, um zu erfahren, wie es ihnen in den Mangelberufen ergeht. Die erste Folge der Serie stand in der ZEIT Nr. 37/2018.

Manchmal fällt es Angela Aukthun besonders schwer, zu gehen und zu wissen, der alte Mensch bleibt jetzt allein. Gestern Abend zum Beispiel, als ein Patient so schwach wirkte und nicht essen mochte. "Ich hätte ihn am liebsten mit nach Hause genommen", sagt die Auszubildende. Seit vier Monaten ist sie als mobile Pflegerin unterwegs. Natürlich weiß sie längst, dass sie diesen Beruf nur durchstehen wird, wenn sie sich abgrenzen kann. "Aber braucht nicht jeder Mensch jemanden, der etwas Wärme zeigt?"

Das Menschliche ist es, was sie motiviert, für ihre Arbeit morgens früh um fünf aufzustehen, ihre Tochter um sechs in die Kita zu bringen und mit ihrer Anleiterin in den kleinen weißen Dienstwagen zu steigen. Sie fahren durch die noch nächtlichen Straßen von Mümmelmannsberg. Sosehr sich die Wohnblöcke ähneln, so unterschiedlich sind ihre Bewohner. Angela ist das alles von klein auf vertraut. Vor 24 Jahren wurde sie hier im Hamburger Osten geboren. Sie ist in dieselbe Kita gegangen wie ihre Tochter.

Ein paar tröstende Worte, eine kurze Umarmung, weiter gehts

Doch seit sie ihre Ausbildung bei der AWO-Sozialstation Mümmelmannsberg macht, sieht sie ihren Stadtteil mit anderen Augen. Sie kennt die Oma, die morgens im Bett mit ihrer Katze kuschelt, den Nirvana-Fan, der allen Krankheiten zum Trotz das Rauchen nicht aufgeben kann, den Mann, der seit sechs Jahren in seinem Bett liegt, die zähen Stunden in Wohnungen voller Porzellan, Familienbilder und Erinnerungen.

In ihren grellen Pullis wirken Angela und ihre Ausbilderin an diesem Morgen wie zwei Farbtupfer in der Küche einer alten Frau. Angela beginnt damit, der "Kundin", wie sie sie nennen, die Kompressionsstrümpfe anzuziehen. "Geh ein bisschen mehr in die Knie", sagt ihre Praxisanleiterin, "sonst kriegst du’s im Rücken." Die Kundin seufzt, schlecht geschlafen habe sie wieder, seit Kurzem ist sie Witwe. Ein paar tröstende Worte, eine kurze Umarmung, dann müssen die Pflegerinnen weiter. Ein Tourenhandy zeigt ihnen an, wer der nächste Kunde ist und wie viel Zeit für Leistungen wie Medikamentengabe, Verbandwechsel und Körperpflege von der Krankenkasse vorgesehen ist. Mit dem Gerät melden die Pflegerinnen das Betreten und Verlassen der Wohnungen. "Da werde ich nie dran denken", sagt Angela, "es geht doch um Menschen, nicht um Maschinen."

Sechzig Kilometer weiter in Lübeck steht Sylvio Napp mit einer Horde Drei- und Vierjähriger im Badezimmer und putzt die Zähne. Die Sanduhr läuft, die Kleinen schrubben los, Sylvio schrubbt mit. Er ist der einzige Erwachsene in der Kita Am Behnckenhof, der sich auch eine Zahnbürste mitgebracht hat.

Ende August hat der 36-jährige Tischler als Quereinsteiger seine Ausbildung zum Erzieher begonnen. Bisher hatte er Werkzeuge zur Verfügung, um ein Ergebnis herzustellen. Nun muss er sich selbst zum Werkzeug machen, so drückt er es aus. Nicht mehr das Ergebnis zähle, sondern der Prozess, daran müsse er sich noch gewöhnen – in seinem alten Job konnte er die Dinge bis zum Ende denken, selbstbestimmt. Früher war er in Kitas ein spannender Gast von außen. Er zeigte den Kindern, wie man etwas baut, sie bauten nach, er korrigierte. Nun geht es um den Alltag, Sylvio muss lernen, zusammen mit ihnen etwas zu machen, eine Beziehung aufzubauen. Heute hat er mit ein paar Kindern und sehr viel Kleister Gläser mit filigranen Serviettenschnipseln beklebt, einen Haufen Mandarinen geschält, getröstet, gelobt, beobachtet. Wie immer auch sich selbst: "Mein Systemboot ist noch nicht abgeschlossen", stellt er fest.

Es geht doch um Menschen, nicht um Maschinen

In Deutschland gibt es viel zu wenige Menschen, die bereit sind, sich um Kinder und Alte zu kümmern. Bis zum Jahr 2025 sollen dem Nationalen Bildungsbericht zufolge mehr als 300.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. In der Altenpflege kommen mehrere Studien bis 2030 auf eine Lücke von einer halben Million Fachkräfte.

Familien trifft dieser Mangel besonders. Immer öfter arbeiten beide Eltern. Und während die Kinder noch klein sind, werden nicht selten die eigenen Eltern hilfebedürftig. Zusätzliche Unterstützung von außen ist unverzichtbar. Dann verbringt die Erzieherin, der man morgens das Kind in den Arm drückt, oft mehr Zeit mit ihm als die Eltern. Und der Pfleger weiß besser Bescheid über die Nöte des alten Vaters als seine Familie Hunderte Kilometer weit weg und verstreut in alle Himmelsrichtungen.