Die Armut hat sich auf der Nordseite des Hügels eingerichtet. Hier in Ariane, dem heruntergekommenen Viertel von Nizza, gibt es keinen Meerblick. Die schönen Häuser liegen am Südhang, wo die Straßen nach Zitronenbäumen und dem Chlorwasser der Swimmingpools riechen. So sammelt sich in Ariane all das, was für ein Leben auf der komfortablen Seite des Hügels nötig ist, aber möglichst unsichtbar bleiben soll. In Ariane färbt der Rauch der Müllverbrennungsanlage die Fassaden der Hochhäuser grau ein, hier wohnen die Hausangestellten, die Gärtner, Wachleute und Putzfrauen. Morgens schwärmen sie aus, abends kehren sie zurück. Doch seit ein paar Wochen ist etwas anders. Auf den Armaturenbrettern ihrer alten Kleinwagen liegen grell leuchtend gelbe Warnwesten. Es ist ein Zeichen: Wir verschwinden hinter dem Hügel, aber ihr könnt uns nicht einfach vergessen.

Doch die Kraft der Bewegung lässt nach. Am vergangenen Wochenende fanden sich nur noch 66.000 Demonstranten in ganz Frankreich zusammen, in der Woche zuvor waren es doppelt so viele gewesen. Macron ist den Gilets Jaunes entgegengekommen – er stockt den Mindestlohn mit Geld aus der Staatskasse auf und kündigte Steuererleichterungen für kleine Renten an. Der Anschlag von Straßburg hat wohl manche Gilets verunsichert. Die Polizei hinderte zudem nach Angabe einiger Gelbwesten viele Busse mit Demonstranten daran, nach Paris zu gelangen. Und das Wetter war mit Schneeregen ungemütlich. Die Frage aber stellt sich: Was machen nun diejenigen, die protestiert haben, mit all der Energie? Wie geht es für sie jetzt weiter?

Jean-François Limelette, 49 Jahre alt, ist Krankenpfleger in Ariane. An diesem Morgen macht er Hausbesuche, neun Patienten im Zehnminutentakt, die Betreuungsdauer sei mit den Jahren ständig kürzer geworden, sagt er. Auch Limelette hat Geldsorgen, weiß nicht, wie er das Studium seiner Tochter bezahlen soll. "Aber es ist nicht so schlimm wie bei meinen Patienten", beschwichtigt er.

Zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt hat er an Protesten teilgenommen. "Endlich kann ich für etwas kämpfen", sagt er. "Gucken Sie sich meine Patienten an, die haben nichts. Wirklich nichts." Macron müsse ihn nur einmal begleiten, dann würde er eine andere Politik machen.

"Das sind wir auf der Straße", sagt Mariama Daouechi und zeigt auf die Fernsehbilder der Gelbwesten. Sie kann nicht dabei sein, die 75-Jährige hat vor acht Jahren eine neue Niere bekommen, ihre geschwollenen Füße stecken in Plastikbadelatschen. Limelette schüttet ihr neun verschiedene Tabletten in den Mund. An den gräulichen Wänden hängt kein Bild, die Sofas sind abgewetzt. Ihre sechs Kinder werden es nicht besser haben, sagt sie, dabei sei vor allem ihre älteste Tochter blitzgescheit. Ein Studium aber war zu teuer. Ihr Mann liegt im Unterhemd auf der Couch, im Fernseher laufen Bilder von den Gelbwesten, die trotz Straßburg demonstrieren wollen. Der 75-Jährige ruft "Bravo" Richtung Bildschirm und sackt dann wieder in sich zusammen.

"Die Gelbwesten sind für alle, die heute leiden"

Limelette sagt, er habe in den vergangenen Wochen, seitdem die Proteste begannen, an Energie gewonnen. "Wir haben jetzt eine Gemeinsamkeit." Die Ausschreitungen findet er schlimm. Aber ohne schockierende Bilder von einer einäugig geschlagenen Marianne-Statue hätte niemand den Gelbwesten zugehört. Und jetzt gebe es auch in Ariane nur noch ein Thema: wie riesig die Ungleichheit im Land sei. Und dass sich das ändern ließe.

"Die Bewegung braucht einen Sprecher, dann machen wir nach den Weihnachtsferien weiter", sagt Limelette. "Wir wollen höhere Renten, die Obdachlosen müssen von der Straße, die jungen Leute müssen arbeiten können. Es gibt so viele Unglückliche."

Die Armen und Kranken freuen sich auf ihn, umarmen ihn und bieten ihm manchmal angelaufene Schokolade oder die Reste ihres lauwarmen Frühstückskaffees an. Er tröstet eine Frau, die nach 36 Jahren Putzarbeit in einem Altenheim nur 550 Euro Rente erhält. Zu einer anderen Patientin sagt Limelette: "Siehst du, Marie, Macron muss uns jetzt anhören." Sie ist auch Rentnerin und hat gerade vier Wochen in einem Pflegeheim verbracht. Ihre Haare stehen wild ab. Es sei schrecklich gewesen im Heim, dreckig, das Essen miserabel. "Die Gelbwesten, die sind doch auch für uns Alte?", fragt die 66-Jährige. "Natürlich!", sagt Limelette. Aus dem Bad holt er eine Haarbürste und richtet ihre Frisur. "Die Gelbwesten sind für alle, die heute leiden", sagt er. Sie verstehe nicht viel von Politik, aber als Macron schon nach einem Monat im Amt die Steuer auf ihre niedrige Rente erhöht habe, da wusste sie, dass er nur für die Millionäre da sei. Ebendiese Steuer ist es, die Macron soeben auf Druck der Gelbwesten zurückgenommen hat.