Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Gott ist kein Mann. Und Gott ist keine Frau. Gott lässt sich mit menschlichen Kategorien und Bildern nur unzureichend beschreiben. Gott ist der ganz andere – um en passant an den großen Theologen Karl Barth anlässlich dessen 50. Todestages zu erinnern. Für ihn und seine Zeitgenossen war Gott trotzdem der andere. Nicht die oder das andere. Das überrascht angesichts des biblischen Zeugnisses nicht. Weibliche Gottesbilder oder -anreden muss man suchen. Die männlichen springen einem von jeder Seite mehrfach ins Auge. Gerade die traditionellen Weihnachtslieder sind geprägt von männlichen, oft militärischen Gottesnamen. Herrscher der Heerscharen, König, Friedefürst.

Die feministische Theologie hat dafür sensibilisiert, dass Gott nicht zwangsläufig ein Mann ist, nur weil Theologen ihn jahrhundertelang einzig als solchen beschrieben haben. Es ist inzwischen nicht mehr selten, dass Liturginnen und Liturgen bei der Gottesdienstgestaltung auf inklusive Sprache achten: "Gott, du bist zu uns wie ein Vater und eine Mutter." Ich bemühe mich meist auch darum, den dreieinigen Gott nicht als reine Herrenriege erscheinen zu lassen, spreche zum Beispiel von der heiligen Geistkraft und versuche, Gott nicht durch Pronomen auf ein Geschlecht festzulegen. Ich möchte, dass die Art, wie ich von Gott rede, für verschiedene Menschen anschlussfähig ist. Aber wenn ich bete, für mich, im liturgischen Kontext des stillen Kämmerleins und nicht des öffentlichen Gottesdienstes, dann bete ich zu Gott dem Vater.

Meine Mutter erzählt gern, dass ich schon mit zweieinhalb das Vaterunser auswendig konnte. Seitdem ist es drin, das Bild Gottes als Vater. All die Seiten feministische Theologie und Queer-Theorie, die ich im Laufe des Studiums gelesen habe, konnten gegen meine Sozialisation nichts ausrichten. Manchmal stelle ich mir vor, wie Judith Butler und Luise Schottroff gemeinsam den Kopf schütteln.

Natürlich bin ich noch nicht zu alt, um umzulernen. Aber wozu wäre das gut? Ich erinnere mich an ein älteres linksintellektuelles Ehepaar, bei dem ich während das Studiums mit ein paar Kommilitonen einmal zu Gast war. Sie verteilten einen selbst kopierten Liederzettel mit einem Kanon drauf, bei dem das "Herr" durchgestrichen und mit der Hand "Gott" darübergeschrieben war. Sehr bewusst und herrschaftskritisch, zweifellos. Allerdings war es vor 2.000 Jahren höchst subversiv, einen armen Wanderprediger als "Herr" zu bezeichnen. Und wenn ich heute im Gebet "Herr" sage, drücke ich damit aus, dass mein Verhältnis zu Gott keines auf Augenhöhe ist. Darum geht’s doch bei der ganzen Sache – die höhere Macht. Nicht meine. Es bleibt die Frage, wie sich jemals Menschen an weibliche Gottesnamen gewöhnen sollen, wenn ein Großteil derer, die die Geschichte Gottes weitererzählen und öffentlich beten, männliche Pronomen für Gott benutzen.