Über Identität kann man nur unter der Bedingung sprechen, dass sie "multipel, instabil, im Fluss, kontingent" und, den Umständen entsprechend, "jeweils neu ausgehandelt" ist. So skizziert der französische Philosoph Vincent Descombes die gegenwärtigen akademischen Gemeinplätze in Fragen der Identität. Die Vorstellung einer schwach konstruierten, pluralen oder fluktuierenden Identität erleichtert es uns, zu akzeptieren, dass die anderen sich von uns unterscheiden, allerdings nur "wenn wir dessen eingedenk sind, dass im Grunde schon jeder je nach Umständen und Anlässen von sich selbst verschieden ist", so Descombes mit spöttischem Unterton ...

Aus unerfindlichen Gründen hat dieser Gemeinplatz der Sozial- und Kulturwissenschaften keine Chance, im Common Sense eingebürgert zu werden. Diesen Wissenschaften wird vorgeworfen, Herkunft, Individuation und Kontinuität des Selbst zu vergessen, gar nicht erst zu reden von dessen ethnischer Identität. Kein Grund zum Alarm, beruhigt uns der Diskurs der pluralen und fluktuierenden Identität und fordert uns auf, gelassen in die Komplexität der Welt einzutauchen und Veränderungen unserer Lebensmilieus nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu begreifen.

In einer Welt, in der alles in einem Zustand des Fließens zu sein scheint, kann sich der Begriff der Identität streng logisch auf nichts Wirkliches beziehen, bemerkt ein Freund, analytischer Philosoph. Ohne seine logische Unschärfe, werfe ich ein, hätte der Begriff aber keine Lebenswelt, keine Geschichte und könnte politisch nicht aufgeladen werden. In welcher Lebenswelt geht es schon logisch zu? Antike Komödien haben die Ungereimtheiten der Identitäts-Logik bereits vorgeführt. Die lassen sich wirklich leichter im Licht der Komödie abhandeln. Das legt einen autobiografischen Rückblick nahe.

2010 traf ich Klaus Hartung, einmal ein geistreicher Rädelsführer der Studentenbewegung in Berlin. 1964, als ich nach Berlin kam, galt er als Experte in Sachen Schelling, Balzac, dem frühen Marx und dem späten Marcuse. Ich traf also einen der klügsten Geister der Studentenrevolte bei einer Veranstaltung in Berlin wieder, auf der wir militanter Aktionen gegen die Notstandsgesetze aus dem Jahre 1967 gedachten. Er beklagte, dass unsere Generation das "Potenzial", das in ihr gesteckt habe, nicht restlos verwirklicht habe, worauf ich mit meiner inzwischen berüchtigten 68er-Formel reagierte: "Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war!" Das sei doch paradox, erwiderte er und erinnerte an die Energien, die von der Vorstellung einer sozial gerechteren Welt hätten ausgelöst werden sollen, in einer Zeit, als wir noch an die Klassenidentität des Proletariats glaubten und unsere Hoffnung an die Sprengkraft ethnischer Identitäten sämtlicher Befreiungsbewegungen hefteten.

Ich misstraute dem "Potenzial" der Genossen, von dessen ungehinderter Entfaltung ich Schlimmes befürchtete. Denn was wäre aus uns ohne die Verwerfungen unserer Lebensläufe durch die politische Tektonik jener Zeit geworden? Haben nicht die Widerstände, auf die die Impulse der Rebellion trafen, die Trägheiten, mit denen sie sich abfinden musste, ihre Absorbierung in den Notwendigkeiten des Alltags, unsere Exklusion und unsere unfreiwilligen Auslandsaufenthalte mittlerweile eine zwar fragile, aber lebbare deutsche Welt gefördert?

Diese Antwort löste allerdings das Paradox meiner Behauptung "Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war" nicht auf. Denn wo kein Potenzial war, konnte nichts herausgeholt werden. Aus jedem Paradox strahlt eine leere Mitte. Das macht die Denkfigur so anziehend. Ich hatte bei meiner Formel an Helmuth Plessners Aufwertung der Öffentlichkeit der Gesellschaft als eines "offenen Möglichkeitshorizonts" gedacht. Auch daran, dass wir uns, wie Plessner sagt, in der Fremdheit symbolischer Praktiken und der Sphäre der Entfremdung verlieren müssen, um uns zu finden.

Wir lebten ja von Einfällen, die uns von Ursprung, Herkunft und Milieu wegschleudern sollten. Unmöglich schien es uns, unser Selbst als etwas zu erleben, das Kontinuität besitzt. Meine Formel ging davon aus, dass wir selbst das Milieu erst schufen, das mehr aus uns herausholen sollte. Wenn ich heute meine paradoxe Formel aus dem Jahr 2010 betrachte, ist sie mir unheimlich: Stellt sie nicht den Hohlraum einer Generation aus, in den gefährliche Konzepte der Identität einwandern können?