Alle klagen über die explodierenden Wohnkosten in Deutschland – so scheint es oft. Aber fliegen wirklich allen diese Kosten um die Ohren? Wohl nicht. Auch bei dieser Entwicklung gibt es Gewinner und Verlierer. Und das trägt offenbar in ganz erheblichem Maße dazu bei, dass die Spaltung zwischen Arm und Reich in Deutschland größer wird. Wie stark der Wohnungsmarkt die Ungleichheit verschärft, zeigt jetzt erstmals eine Studie – mit alarmierenden Ergebnissen.

Danach fielen die armen Haushalte in Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren finanziell immer weiter zurück. Im Jahr 2013 lag das Nettoeinkommen pro Kopf in der Mitte der Gesellschaft fast doppelt so hoch wie im untersten Zehntel der Bevölkerung. Der Abstand zwischen diesen beiden Einkommensgruppen wuchs im Laufe von zwei Jahrzehnten (1993 bis 2013) um beachtliche 22 Prozentpunkte, wie die Ökonomen Christian Dustmann (University College London), Bernd Fitzenberger und Markus Zimmermann (beide Humboldt-Universität zu Berlin) vorrechnen. Doch noch extremer geht die Schere auseinander, wenn man darauf schaut, was diese Haushalte nach den Ausgaben für ihre Wohnung noch zur Verfügung haben. Bei dieser Art des Nettoeinkommens wuchs der Abstand im gleichen Zeitraum um 62 Prozentpunkte. Die Wohnkosten sind offenbar vor allem bei den Armen explodiert.

Tatsächlich zeigt die Untersuchung, dass steigende Mieten insbesondere Geringverdiener belasten. So wuchsen die durchschnittlichen Wohnkosten des untersten Fünftels zwischen 1993 und 2013 um mehr als 30 Prozent – obwohl ihre Einkommen im gleichen Zeitraum um acht Prozent schrumpften. Genau andersherum sieht die Entwicklung beim bestverdienenden Fünftel der Gesellschaft aus: Ihre Wohnkosten sanken um fast zehn Prozent, während ihre Einkommen um etwa acht Prozent wuchsen. Sie sind – zumindest im Durchschnitt – also die Gewinner der aktuellen Trends am Immobilienmarkt.

Als Erklärung weisen die Autoren der Studie darauf hin, dass die meisten Geringverdiener zur Miete wohnen und auch häufiger den Wohnort wechseln. Sie treffen die Mietsteigerungen, die bei Neuvermietungen am höchsten sind, deshalb besonders hart. Dagegen wohnen viele Besserverdiener im Eigenheim. Sie profitieren daher von den niedrigen Zinsen und günstigeren Finanzierungskosten. Daneben spielen weitere Faktoren eine Rolle, etwa dass viele Menschen mit niedrigen Einkommen aus eher ländlichen Gebieten (und speziell aus Ostdeutschland) auf der Suche nach Jobs in die teureren Städte gezogen sind.

Die Studie zeigt, dass nicht nur die Lohnentwicklung, über die schon viel berichtet wurde, für Ungleichheit sorgt. Ein zweiter und ebenfalls starker Faktor kommt hinzu: das Wohnen. Hohe Mieten auf der einen und niedrige Zinsen auf der anderen Seite verbreitern die Kluft zwischen den Gutsituierten und den Besitzarmen. Die Studienautoren geben keine Empfehlung ab, was die Politik nun tun sollte. Aber ihre Ergebnisse zeigen, wie sehr die Wohnkosten die Gesellschaft spalten.